Über Spargel lässt sich viel sagen. Offenbar nicht nur Gutes. Foto: panthermedia

Von Oliver Kroll. Was für ein glückliches Land. Unter dem Segel einst partiell ernst zunehmender journalistischer Flaggschiffe wie „Stern“ und „Spiegel“ segeln heute Kolumnistinnen, die im Netz unglaublich relevante Themen ausbreiten.
Müssen Seiten gefüllt werden, junge Leute an Bord gezogen werden, weil die Auflage unaufhaltsam sinkt? Kein Thema ist zu abwegig, kein Gemüse zu banal um daraus etwas zu machen. Bevorzugtes Ziel dieser verbalen Attacken junger Damen sind „alte, weiße Männer“. Ganz so, als sei es ein Verdienst jung und vielleicht nicht ganz weiß zu sein. Das ist so wenig herausragend wie in Sachsen oder Bayern geboren worden zu sein. Oder eben weiblich zu sein.

Halt, werden hier Esoteriker rufen. Für sie sind Geschlecht und Geburtsort vermutlich so wenig ein Zufall, wie einst eine Schwangerschaft.

Nun brauchen junge Menschen ihre Feindbilder. Einst waren es die Kapitalisten und Unternehmer. Abgelöst wurden sie von Mitgliedern einer unsympathischen Partei. Als Feindbild stets willkommen sind die USA. Schwierig wurde es während der Obama-Jahre. Er war relativ jung und zur Hälfte schwarz. Wenn wir also behaupten er sei schwarz, dann könnten wir ihn mit gleichem Recht eine Weißen nennen. Fakt ist: Er hat eine weiße Mutter und schwarzen Vater.

Doch zurück zum Thema. Das neue Feindbild heißt also „alte, weiße Männer“. Ganz schlimm wird es, wenn die nun auch noch Spargel essen. Ja, ob ernst oder ironisch gemeint, auch darüber informiert uns das Netz ausführlich.

„Spargel nerve“ lässt uns Amelie Graen auf der „Stern“ auf seiner Online-Meinungsseite wissen. „Spargel mit Sauce Hollandaise ist wie die Tennissocken-in-Sandalen Kombination: Nicht gerade anzusehen, typisch deutsch und alles andere als schön.“ Wie alte, deutsche Männer eben, möchte man hinzufügen.

Bei so viel Häme wird es nur kurz währen, dass junge, mit Betonung auf junge Männer, naserümpfend an Spargelständen vorüberziehen. Wer im Restaurant das blasse Gemüse ordert, darf sich über hochgezogene Brauen wundern.
Spargel ist also out, so wie alte, weiße Männer.

Nun war es schon immer das Privileg der Jugend , sich vom Tisch der Akten abzuwenden. Und wenn im vergangenen Jahr 129.000 Tonnen Spargel geerntet wurden, dann wird es auch in diesem Jahr „kein Entrinnen“ von dem Gemüse geben. Der Kolumnist, so gesteht er kleinlaut, hat in diesem Frühjahr auch schon zwei Mal am Spargelstand gewartet. Aber er ist auch ein weißer, alter Mann. Also darf er. Besser noch: Er muss. Denn worüber sollte die jungen, hippen, farbigen, satten und durchblickenden Kolumnistinnen sonst auf ihren Meinungskolumneseiten sonst schreiben?
Na gut, alte, weiße Männer wird es vorerst noch geben.

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