Euphorisch: Tochter Susan Lawrence mit ihrer Mutter Katharina Messmer, der Namensgeberin des Schuhladens. Foto: lawrence

Reinhard Schwarz, St. Pauli

Als Susan Lawrence am 31. August die Tür ihres Schuhgeschäfts an der Reeperbahn 77 schließt, endet für sie damit auch ein Lebensabschnitt, der rund 40 Jahre gedauert hatte. „Es war wie eine Amputation“, schildert sie ihre Gefühle. „Der letzte Tag im Geschäft war hektisch, ich war traurig, und für mich war es eigentlich unvorstellbar, dass es jetzt wirklich vorbei ist.“ Seit 1844 gab es an dieser Stelle ein Schuhgeschäft, zunächst unter dem Firmennamen Witt & Söhne. Vor rund 50 Jahren übernahm Susan Lawrence‘ Mutter, Katharina Messmer, eine gelernte Schuhverkäuferin und Orthopädin, das Traditionsgeschäft und führte es unter ihrem Namen weiter. Da ging Renate Emma Elisabeth Lawrenz, wie Susan Lawrence eigentlich heißt, noch zur Schule. Später übernahm Susan Lawrence, das ist ihr Künstlername, die Geschäftsführung.

Aus der „kleinen Maus“
wurde für die Zuhälter
bald „die Dicke“

Die Reeperbahn mit der Hausnummer 77: Ein paar Meter weiter beginnt die Davidstraße mit dem Straßenstrich. Ab 20 Uhr stehen hier aufgereiht junge Frauen, warten auf Freier. An der Davidstraße, Ecke Spielbudenplatz befindet sich die legendäre Davidwache, Scharen von Touristen aus aller Welt pilgern hierher. Von der Davidstraße zweigt die Herbertstraße ab, die bekannte Bordellstraße. Frauen haben hier keinen Zutritt. Ein Teil der Kundschaft von Susan Lawrence rekrutierte sich aus den Damen des horizontalen Gewerbes. Vor allem Frauen aus der Domina-Abteilung der Herbertstraße kamen, um bei Susan Lawrence exklusives Schuhwerk zu kaufen. Gefragt war Extravagantes aus Lack und Leder, mit vielen Schlaufen, Glitzer und Nieten. „Gekauft wurden Tanzschuhe, Highheels und Overknees, die gehen fast bis zum Schritt“, sagt sie und demonstriert die Länge der Overknee-Stiefel mit einer Handbewegung.

Doch nicht nur Professionelle aus der Herbertstraße kauften bei Schuh Messmer. Dass es unter Männern zahlreiche Liebhaber von zarten Damenschuhen gibt, konnte die gelernte Industriekauffrau bald erfahren. So tauchte in gewissen Abständen immer wieder eine „Corinna“ auf, die sich vor allem für rote Lack-Pumps interessierte. Auffällig an Corinna waren unter anderem die kräftigen Waden und die rauhe Stimme. Schließlich stellte es sich heraus, dass Corinna identisch war mit Arno, einem Kunden, der hier regelmäßig seine Cowboystiefel erstand. Ein typischer Fall von Schuhfetischismus. Doch auf diesen Kundenkreis hatte sich die findige Geschäftsfrau längst eingestellt. „Deshalb haben wir auch Damenschuhe bis Größe 46 geführt.“

Reeperbahn, Davidstraße, Herbertstraße: ein hartes Pflaster. Wie kommt eine junge, zierliche Person wie Susan Lawrence hier zurecht? Anfangs wollten die Luden wohl auch in ihrem Geschäft ihre Macht demonstrieren. Das kam bei der jungen Frau nicht gut an. „Ich habe denen erstmal klargemacht, dass ich hier der Chef im Laden bin. Das haben die auch sehr schnell kapiert.“ Die kräftigen Jungs von der „Nutella“-Gang und der „Gmbh“ – zwei Zuhältergruppierungen in den 1970er-Jahren – respektierten offenbar die „kleine Maus“, wie sie sie anfangs titulierten. „Seitdem war ich für sie ‚Die Dicke‘“, erinnert sie sich amüsiert. Schließlich erhielt sie sogar eine Telefonnummer, die sie anrufen solle, falls es mal „Probleme“ geben sollte.

„Da konnte ich anrufen, bevor die Davidwache kam.“ Der Kiez löst seine Probleme eben gerne ohne Einmischung von außen.
Mit dem Kiez von heute könne sie nicht mehr allzuviel anfangen, erklärt sie. „Die Reeperbahn hat sich total verändert.“ Angesagt seien öffentliche Saufgelage à la Ballermann und laute Junggesellenabschiede. „Die 1970er und 1980er waren hingegen die goldenen Jahre“, schildert Lawrence, die auch auf eine Gesangskarriere zurückblicken kann. „Es ging sehr familiär zu. Jeder kannte jeden. Der Zusammenhalt spielte eine große Rolle. Es ging menschlicher zu, es gab interessante Persönlichkeiten. Die Leute waren elegant gekleidet, die Zuhälter trugen Pelze“, beschreibt die Kauffrau, die immer auch eine gute Beobachterin war.

„Richtig verdient habe ich nur bis etwa 2008“

„Die 1990er waren auch noch okay.“ Doch dann ließ das Geschäft mit den Schuh-Kunstwerken aus Lack und Leder allmählich nach. „Richtig verdient habe ich eigentlich nur bis etwa 2008. Dann wurde es weniger. Langsam, dann rapide, gingen die Umsätze zurück.“ Statt der Kundschaft aus dem „Milieu“ kamen nun vor allem Touristinnen aus ganz Europa, insbesondere aus Österreich und der Schweiz. Ein Grund für die sinkende Nachfrage aus der Nachbarschaft: Die Einnahmen aus Liebesdiensten auf St. Pauli sanken mit der Billigkonkurrenz aus dem ehemaligen Ostblock drastisch. Entsprechend wurde an erotischen Luxus-Accessoires gespart. Zum Kundenkreis zählten weiterhin Pärchen, die sich für Fetisch-Partys einkleideten oder Musikgruppen, auf der Suche nach stilvollen
Bühnenschuhen.

Wie geht es jetzt weiter für Susan Lawrence? Noch ist sie mit dem Kapitel „Schuh Messmer“ nicht ganz durch, arbeitet noch am kaufmännischen Abschluss. „Die Zeit danach ist noch immer schwierig.“ Noch hängen die Firmenschilder draußen am Laden. Das tut weh. Sie möchte jetzt wieder mehr Musik machen: „Ich singe wieder und nehme aktuell eine CD mit englischen Balladen auf. Dann spiele ich auch wieder Klavier.“

Sie lebt jetzt in der Hafencity, früher kam sie ganz aus dem bürgerlichen Volksdorf auf den Kiez – zwei Welten. Eine Tür will sie sich noch offen halten für eine Rückkehr im kleineren Rahmen: „Es besteht Hoffnung auf einen Nachfolger im Schuhgeschäft. Es ist aber noch nichts entschieden.“

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