Jugendliche vor Marika-Rökk-Plakat: Germin fotografierte Knopf’s Lichtspielhaus im Jahr 1947. Heute ist das Docks im Gebäude. Foto: germin

KP Flügel, Altona/Stade

„Es war einmal.“ heißt die Ausstellung, die noch bis zum 5. Mai im Kunsthaus Stade Fotografien von Herbert Dombrowski, Germin und Anders Petersen aus den 1940er-, 50er- und 60er-Jahren zeigt. „Diese Zeit ist eine längst vergangene, aber eine immer noch legendäre. Noch bis heute lebt der Mythos, noch immer wird ein Kiezgefühl widergespiegelt, gesucht und vermisst“, sagt Regina Wetjen, Kuratorin der Ausstellung. Nicht von ungefähr solle St. Pauli auf die immaterielle Unesco-Kulturerbe-Liste gesetzt werden.

Regina Wetjen sieht in Herbert Dombrowski (1917 – 2010) einen malerischen Fotografen oder fotografischen Maler. Von sich selbst hatte der Fotograf behauptet, schüchtern gewesen zu sein. Menschen fotografierte er beobachtend aus respektvoller Distanz. „Heimlich macht er in Striptease-Clubs seine Aufnahmen. Eine Stripperin fotografiert er beim Ausziehen von vorne. Als die letzten Hüllen fallen, sieht man sie nur von hinten.“ Den Einzug des Rock’n’Roll, dessen Lebensgefühl nun aus der Jukebox kommt, hält er fest.

Der Hafen als Arbeitsort und Menschen, deren Arbeitsplätze auf Grund des technischen Fortschritts nicht mehr existieren, sind Motive von Gerd Mingram (1910 – 2001), dessen Fotografenname Germin ist. Im Unterschied zu Herbert Dombrowski, erzählt Regina Wetjen, habe er die Menschen bewusst in Szene gesetzt und aufgefordert, auch mal direkt in die Kamera zu schauen. Germin nimmt eher zufällig Fotos eines Auftritt der Beatles im Top Ten auf. Später kauft Paul McCartney ihm die Bilder ab.

Der 1944 geborene schwedische Fotograf Anders Petersen verliebt sich während eines Sprachaufenthalts in eine finnische Prostituierte. Jahre später kommt er zurück. Auf der Suche nach ihr landet er in der Kiezspelunke Café Lehmitz am Zeughausmarkt. Eine richtige Absturzkneipe, in der die Einsamen, die Trinker, die Haltlosen und die Zärtlichkeit suchenden Menschen verkehren. Diese fotografiert er schonungslos direkt, zumeist in exhibitionistischen Posen.

Dann die Überraschung, Musik von Tom Waits zu hören und das Cover seiner berühmten LP „Rain Dogs“ von 1985 ausgestellt zu entdecken. Ist das Tom Waits, der sich an den Busen einer lachenden Frau kuschelt? „Das von Anders Petersen im Café Lehmitz aufgenommene Foto zeigt nicht den Musiker, sondern den ihm durchaus ähnlich sehenden Kellner Rose, der sich an Lilly schmiegt“, verrät die Ausstellungsmacherin. „Für Tom Waits waren die ‚Rain Dogs‘ die Zurückgelassenen, die Obdachlosen, die Prostituierten. Die, um die sich keiner schert.“

❱❱ Kunsthaus Stade, Wasser West 7, 21682 Stade, di, do, fr 10–17 Uhr, mi 10 – 19 Uhr, sa und so 10–18 Uhr, acht, ermäßigt vier Euro Eintritt.

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