Neben den Demonstrationen arbeitet Jana Hagemeister gesellschaftspolitisch zu allererst an sich selbst, denn „Veränderung kommt von unten“, so die 29-Jährige. Foto: ah

Alicia Hagemann, Altona

Es herrscht eine Stimmung, die an eine Klassenfahrt erinnert. Aufgekratzt und voller Vorfreude waren demonstrierende Schüler am letzten Tag der Frühjahrsferien zum Hachmannplatz am Hauptbahnhof gekommen. Über 7.000 Menschen kamen zur
bislang größten „Fridays for Future“-Demo in Hamburg, die Organisatoren sprachen sogar von 10.000 Teilnehmern.

Sie haben Plakate mit Slogans wie „Es gibt keinen Planeten B“ und „Eisbären werden zu Schweißbären“ auf Pappe gemalt oder Skulpturen gebastelt. Ein junges Mädchen mit Pferdeschwanz hält eine Rieseneistüte im Arm. Sie zeigt den Globus als schmelzende Kugel und ist über einen Meter groß. Das Ganze erinnert an ein kleinen Kunstwettbewerb in der Oberstufe, es fehlen nur die Lehrer, um das kreativste Kunstwerk zu benoten.
Ein Mann klettert barfuß in die Krone eines Baumes gegenüber dem Schauspielhaus. Aus den Lautsprechern sagt eine ruhige Stimme, dass er bitte von dem Baum herunterkommen solle.

Einige lächeln über den Kletterer, andere schütteln den Kopf.
Nach und nach bildet sich eine immer größer werdende Menschenmenge. Parolen wie „Kohle-Konzerne baggern in der Ferne, zerstören uns’re Umwelt nur für’n Batzen Geld. Wo wir uns’re Zukunft sehen? Erneuerbare Energien!“ werden gerufen. Trotz des ernsten Themas schwingt auch ein gewisser Spaßfaktor mit.

Nicht jeder der Protestler ruft bei jeder Parole mit oder klatscht bei jeder Forderung, aber den Rednern hören die Demonstranten aufmerksam zu. Die Gespräche untereinander drehen sich über Maßnahmen zum Klimaschutz, über vegane oder vegetarische Ernährung, oder den Verzicht aufs Fliegen.
FDP-Chef Christian Lindner, der sagte, die Schüler sollten den Klimaschutz den Profis überlassen, findet hier keine Anhänger. „Das ist doch absoluter Blödsinn. Solche Kritik kommt doch nur, um sich die Macht zu sichern oder ihre Politik weiter wie bisher betreiben zu können“, so Jana Hagemeister (29) aus Altona bei ihrer ersten Fridays for Future Demonstration.

Verfolgen tut sie die Bewegung schon länger, beteiligte sich schon an anderen Klimaschutz-Protesten. Sie selbst lebt vegan, nutzt den öffentlichen Nahverkehr und kauft fair gehandelte Kleidung. Auch auf Plastik versucht die 29-Jährige größtenteils zu verzichten.
„Veränderung kommt von unten, das ist bisher immer so gewesen“, so Hagemeister, „und so sollte jeder zuerst an sich selber arbeiten.“ Von Schuldzuweisungen hält sie nichts. Wer wann, etwas oder nichts getan hat, spiele keine Rolle. Wichtig sei nur, das jetzt etwas passiert.
Diese Einstellung scheinen die meisten Protestanten zu teilen. Auf der Bühne fasst eine Rednerin zusammen: „Die Erde würde uns überleben, aber wir nicht die Politiker, die nichts gegen den Klimawandel tun.“

Unterstützung findet die Bewegung inzwischen auch durch viele Eltern, die ihren Kindern den Klimaschutz näher bringen. Die Mutter von Svea Höpner aus Bahrenfeld lebt umweltbewusst und so kam ihre 18-jährige Tochter zu einem gesünderen Lebensstil. Auf ihrem Plakat liest man auf Englisch: „Die Erde wird heißer als Harry Styles“ – einem ehemaligen Mitglied der Boy-Band „One Direction“. Auf Fridays for Future aufmerksam wurde sie allerdings nicht durch ihre Mutter, sondern durch Instagram und Freunde.

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