Von dieser Bebauung könnte es künftig mehr geben: Neubau an der Ecke Eimsbütteler Marktplatz/Rellinger Straße direkt neben der Fruchtallee. Foto: mg

Volker Stahl, Hamburg

Hamburg hat der Wohnungsknappheit den Kampf angesagt. Um Freiräume und die „grüne Wiese“ langfristig zu schützen, rücken die Hauptverkehrsstraßen, die sogenannten Magistralen, in den Fokus der weiteren Innenverdichtung. Denn die ist zwingend notwendig: Laut Prognosen von Bevölkerungsforschern wird die Einwohnerzahl in Hamburg von aktuell 1,8 auf 1,9 Millionen im Jahr 2030 steigen.

Getrieben von der brisanten Lage auf dem Wohnungsmarkt, wollen die Regierungsparteien in der Hansestadt Nägel mit Köpfen machen. Sie brachten die Drucksache 21/10507 in die Bürgerschaft ein und sorgten, was selten vorkommt, mit einem schnöden Antrag zur Stadtentwicklung für reichlich Wirbel. In dem Papier forderten Abgeordnete von SPD und Grünen, „die Potenziale entlang der Magistralen zu identifizieren und planerisch vorzubereiten“. Nicht nur auf den ersten Blick ein vernünftiger, an den eigenen Senat gerichteter Vorschlag zum Wohnungsbau in der wachsenden Stadt, dem – bis auf die AfD – alle Fraktionen zustimmten.

Vielen erscheint das Wohnen an diesen Straßen heute noch unattraktiv – das wird sich ändern
Olaf Duge, Grüne

Auch die Chefin der Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen, Dorothee Stapelfeldt, reagierte Anfang dieses Jahres im Interview mit dem MieterJournal positiv auf diese Idee: „An den großen Magistralen sehe ich ein weiteres Potenzial für den Wohnungsbau.“ Die Senatorin gab aber auch zu bedenken: „Allerdings sind wir im Planungsrecht noch nicht so weit, dass wir hier zu einer schnellen Umsetzung kommen können. Hinzu kommt, dass der Straßenverkehr deutlich leiser und schadstoffärmer werden muss, wenn an den Magistralen wieder mehr Menschen wohnen sollen.“

Mittlerweile haben die zuständigen Behörden Pläne erarbeitet und vorgestellt. Die Vorhut bilden die Bezirke Altona und Nord, Eimsbüttel wird folgen. In einer Infobroschüre konstatiert der Bezirk Altona, dass die großen Flächenpotenziale mit der Bebauung des Holstengeländes und der Neuen Mitte bald ausgeschöpft seien und nennt als einen Lösungsansatz: „Um die Freiräume trotz anhaltend hohem Wohnraumbedarf auch langfristig zu schützen, sind im Bezirk Altona die vier- bis sechsspurigen Hauptverkehrsstraßen, die sogenannten Magistralen, in den Fokus der weiteren Innenentwi-cklung der Stadt gerückt.“

Auf einer Informationsveranstaltung mit dem Titel „Boulevard oder Rennstrecke?“ konnten sich Anwohner und Interessierte im Bezirk Altona bereits über die Pläne informieren. Die Bebauung der Magistralen habe viele Vorteile: „Die Bewohner finden dort bei hoher Dichte eine gute Infrastruktur vor. Derzeit müssen sie weit fahren.“ Auch die Lärmsituation würde sich durch die Bebauung für viele verbessern, betont Behördenmitarbeiter Marco Tschubel: „Wir haben in Altona nach Osten und nach Westen verlaufende Häuser, die nach Süden über Räume verfügen, die ruhig sind. Es ist daher kein Problem, für die hinteren Räume Ruhe zu schaffen.“

Vorschlag der Grünen

Auch die Grünen sind begeistert, schließlich handelt sich ja um ihren Vorschlag. „Vielen erscheint das Wohnen an diesen Straßen heute noch unattraktiv – das wird sich ändern“, sagt der grüne Stadtentwicklungsexperte Olaf Duge: „Die technischen und baulichen Neuerungen der kommenden Jahre werden die Qualität des Wohnens insbesondere im städtischen Bereich deutlich verbessern. Elektromobilität, Fahrradwege, Flüsterasphalt, ‚HafenCity-Fenster‘ sowie lärmabgewandte Gebäude und Wohnungen sorgen für ruhigeres Wohnen und bessere Luft.“ Durch moderne Bautechnik könnten attraktive neue Orte für Wohnen und Arbeiten entstehen, hofft wiederum der SPD-Fraktionsvorsitzende Dirk Kienscherf: „Das Beispiel Altona zeigt die großen Chancen einer solchen Entwicklung. Damit Hamburg weiterhin grün und lebenswert bleibt, müssen wir intelligenter mit den vorhandenen Flächen umgehen.“

Kienscherfs Worte klingen wie Musik in den Ohren von Manfred Braasch, Landesgeschäftsführer des BUND in Hamburg, der den Bau von 100.000 bis 120.000 Wohneinheiten entlang der großen Achsen für wünschenswert hält: „Wenn dieses Potenzial tatsächlich in dieser Größenordnung gehoben werden kann, würde dies den Druck auf die Freiflächen in Hamburg deutlich verringern.“ Derzeit würden massiv Landschaftsschutzgebiete und Freiflächen für Wohnen und Gewerbe in Anspruch genommen, kritisiert der Umweltschützer: „Aktuell werden circa 235 Hektar überplant. Die Versiegelung mit all ihren negativen Auswirkungen für Artenschutz, den Biotopverbund und die Naherholung nimmt weiter zu.“

Braasch konstatiert allerdings, dass die Belastung der neuen Anwohner mit Lärm und Luftschadstoffen an den vielspurigen Hauptstraßen entsprechend hoch sein kann. Sein Vorschlag: „Das Vorhaben muss durch ein kluges Verkehrskonzept – Tempo 30 auf den Magistralen, grüne Welle, gute ÖPNV-Anbindung – begleitet und die Nutzung und der Zuschnitt der Gebäude in den Blick genommen werden.“ Der Umweltschützer kann sich deshalb eine höhere Bebauung an den viel befahrenen Hauptachsen mit vorwiegender Gewerbenutzung vorstellen, die die Wohnbebauung in der zweiten Reihe vor der Lärmbelastung schützt.

Genau das fordert auch der Mieterverein zu Hamburg, sieht in der Magistralen-Bebauung aber kein Allheilmittel zur Bekämpfung der Wohnungsknappheit. „Ausgerechnet die Parteien und Umweltverbände, die Schritttempo, Einbahnstraßen und Tempo 30-Zonen fordern, setzen sich jetzt dafür ein, dass Menschen dort wohnen sollen, wo sie stark mit Dreck, Lärm und Emissionen belastet werden“, gibt Siegmund Chychla, Vorsitzender des Mietervereins zu Hamburg, zu bedenken. „Erst haben sie die Autos aus ihrem Quartier verbannt, sodass die Verkehrsbelastung an den Hauptstraßen erhöht wurde. Nun sagen die gleichen Politiker und Lobbyisten: ‚Bei uns ist es schön, unser Quartier verträgt keinen Zuzug mehr und die anderen sollen an den Hauptstraßen wohnen.‘“ Es solle, bitteschön, einer dieser Politiker oder Umweltschützer vortreten und sagen, dass er an einer Magistrale leben wolle, feixt Chychla.

„Jeder Bezirk, der was auf sich hält, will vorn sein bei der Magistralenbebauung“, frohlockte Finanzsenator Andreas Dressel (SPD) kürzlich im „Hamburger Abendblatt“. „Die Stadt hat ein Dutzend solcher Verkehrsadern. Sie muss die Potenziale identifizieren und die Eigentümer zur Modernisierung oder zum Verkauf drängen“, fordert der grüne Stadtentwicklungsexperte Duge und schlägt vor, an entsprechenden Stellen höher als üblich zu bauen und große Parkplätze mit Wohnungen zu überbauen. Duge erhofft sich durch diese Maßnahmen hamburgweit die Schaffung von 100.000 neuen Wohnungen im kommenden Jahrzehnt. Dressel ist bei der Schätzung zurückhaltender und denkt lieber „von Projekt zu Projekt“.

Die Pläne zur Bebauung der Hauptverkehrsstraßen hören sich gut an, aber es gibt auch Probleme. Die Präsidentin der Hamburgischen Architektenkammer, Karin Loosen, sieht entlang der Magistralen zwar „ein sehr hohes Potenzial von zu qualifizierenden Grundstücksflächen“, gibt aber zu bedenken: „Aufgrund von kleinteiligen Eigentumsverhältnissen, bestehendem Planrecht und emissionsrechtlicher Belange zuzüglich Lärm und Luft werden es keine einfachen Stadtentwicklungsmaßnahmen sein.“ Trotz des schlechten Images des Wohnens an einer Hauptstraße sei eine langfristige Entwicklung an den Magistralen durchaus wünschenswert, meint Loosen: „So könnten neben Wohnungsbaupotenzialen auch die Lebensqualität der angrenzenden Quartiere verbessert werden.“

An der Verbindungsbahn gibts ein Positivbeispiel

Ein positives Beispiel ist die neue Bebauung im Stadtteil Rotherbaum. Dort ist auf dem Eck- grundstück „Durchschnitt/An der Verbindungsbahn“ trotz Straßenlärms rund um die Uhr ein siebengeschossiges Wohnhaus mit einer Galerie im Erdgeschoss entstanden. Die Nutzfläche des hochwertigen Gebäudes beträgt 5.194 Quadratmeter. Obwohl dort täglich 44.000 Kraftfahrzeuge und rund 600 S-Bahnen und Fernzüge vorbeirauschen, stehe der Neubau für „Stadtreparatur“, meint der Architekturkritiker Rolf Lange: Das Wohnhaus dort schließe die Blockränder und diene so als „Lärmschutzwand“. Die Außenflächen des Gebäudes seien ebenso attraktiv gestaltet wie der Hinterhof, den er als „Ruheinsel“ bezeichnet. Auch bei der Aufteilung der Flächen hatte der Lärmschutz Priorität: Die Schlafräume sind zum Innenhof ausgerichtet.

„Hamburg kann das Problem nicht allein lösen“

Magistralennahe Bebauung mit teuren Schallschutzmaßnahmen funktioniert in attraktiven Stadtteilen wie Rotherbaum – aber auch abseits attraktiver Wohnlagen? „Bei zunehmend angespanntem Wohnungsmarkt
rücken sicherlich auch die B-Lagen mehr in den Fokus. Aber ohne eine Mehrwert bringende Idee werden diese Standorte nicht funktionieren“, meint Karin Loosen. Sie fügt hinzu: „Das erfordert eine genaue Analyse des Standortes. Was fehlt? Was könnte man mit einer Neubebauung im angrenzenden Quartier verbessern? Es geht immer darum, durch die Neubebauung den Stand- ort neu zu qualifizieren, dann wären das ‚Akupunkturnadeln‘ für auch weniger attraktive Standorte.“

Mietervereins-Chef Siegmund Chychla ist skeptisch, ob das so funktioniert. Er ist zwar dafür, die Magistralen zu „urbanisieren“, aber anders. Wie, erläutert er anhand eines Beispiels: „Vorbildlich ist die Bebauung am viel befahrenen Steindamm in St. Georg, wo an der Ecke zur Stiftstraße ein Büroriegel und nach hinten hinaus fantastische, nach Süden ausgerichtete Wohnungen geschaffen wurden.“ Sinnvoll sei es auch, so Chychla, in Altona an der Osdorfer Landstraße Streifen von hundert Metern zu schaffen und dort Grundstücke zusammenzulegen. Im ersten Riegel könnten sich Gewerbe und Dienstleistungsbetriebe ansiedeln und im Areal dahinter durch Veränderung der Bauplanung Geschosswohnungsbau entstehen.

Auch der Vorsitzende des Grundeigentümer-Verbands Hamburg, Torsten Flomm, meint, das Wohnungsproblem sei nicht allein mit der Bebauung der Magistralen zu lösen: „Wo soll das hinführen? Sechs- und siebengeschossige statt viergeschossige Gebäude – das mag sich rechnen, aber die Lebensqualität ist dann problematisch. Ich bin sehr skeptisch in Bezug auf einen zügellosen und ungebremsten Wohnungsbau in der Stadt.“ Hamburg bewege sich auf ein Problemfeld hin, das bisher nicht vernünftig erfasst und diskutiert worden sei, kritisiert Flomm und macht einen Alternativvorschlag: „Wir müssen entlang der bestehenden Bahnverbindungen Wohnungsbau zulassen, zum Beispiel in Stade. Hamburg kann das Wachstumsproblem nicht allein lösen.“ Auch einige Einfamilienhäuser-Gebieten müsse die Stadt zur Disposition stellen. Flomm schwebt vor: „Abriss eines Einfamilienhauses und an gleicher Stelle Bau eines Vierfamilienhauses. Da bin ich fast revolutionär.“

Optimistischer in Sachen Magistralenbebauung ist Hamburgs Oberbaudirektor Franz-Josef Höing, der „nachdenklich“ wird, wenn er auf den Hauptstraßen mit dem Auto unterwegs ist und die „zufällige Bebauung“ mit Tankstellen, Autohäusern und Baumärkten inklusive großer Parkplätze sieht: „Wenn man es geschickt anstellt, kann man auch an lauten Ausfallstraßen Wohnraum von sehr hoher Qualität umsetzen und Gewerbe entwickeln. Man braucht aber einen langen Atem, weil der Stadt an diesen Stellen nicht allzu viele Flächen gehören.“

1 KOMMENTAR

  1. Bei diesem Beispiel sieht man gut, wie die Hamburger Politik mit den Bürgern umgeht.
    Da wird von E Autos, die ja leiser sind gesprochen. Die Fahrzeugflotte wird erst in ca. 20 Jahren umgestellt sein, wenn es denn so kommt. Bis dahin sollen die neuen Anwohner dann den Lärm und die Abgase ertragen? Die Innenbehörde berechnet horrende Gebühren ( Eur 360), wenn Bürger die Prüfung von Tempo 30 beantragen und lehnt es dann sowieso ab. Es wird eine teure U Bahn geplant, anstelle einer nur 20 % kostenden Stadtbahn, damit die Kfz weiter ungestört fahren können.

    Inbesondere für die Grünen ist das peinlich, bei der Hamburger SPD weiß man ja, dass sie eine Autofahrer Partei ist.

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