Vor einem Gemäde von Carolin Beyer, das die Fotografin zeigt: Isabel Mahns-Techau. Foto: imt

Volker Stahl, Hamburg

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn. Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen, aber versuchen will ich ihn!“ Auf ihrer Facebook-Seite zitiert Fotografin Isabel Mahns-Techau die Anfangszeilen eines Rilke-Gedichts. Ihre Lieblingsverse des Lyrikers legen nahe, dass die Chronistin der Hamburger Kulturszene trotz ihres hohen Alters – am 15. September wurde sie 91 – zukunftsorientiert ist.
Dass ihr das Alter aber bisweilen zusetzt, spricht IMT, wie sie von ihren Bekannten genannt wird, offen an: „Ich mache es wie Marlene Dietrich und verlasse das Haus seit anderthalb Jahren nicht mehr.“ Oft ist ihr schwindelig oder sie ist müde. Das Autofahren hat sie mit 86 Jahren aufgegeben („es ging einfach nicht mehr“) – mobil ist sie dennoch: im Kopf.

Sie war die erste, die
Jonathan Meese porträtierte

Isabel Mahns-Techau, die viele der interessanten Gesichter der Welt auf Zelluloid gebannt hat, darunter Dennis Hopper, Morgan Freeman und Isabella Rossellini, hält sich durch „stetige Teilnahme an der Welt“ geistig fit. Wenn sie in einer Kunstzeitung auf einen Namen stößt, den sie nicht kennt, googelt sie ihn oder macht sich bei Wikipedia schlau. „Ich lasse mich nicht fallen“, sagt sie und frönt ihren vielen „geistigen Hobbys“. Am liebsten liest sie Bücher über die „verrücktesten Themen“, zuletzt einen Bericht über einen Flug über die Wüste. Zur Entspannung gerne Krimis von Raymond Chandler.

Bis vor ein paar Jahren war sie in der hiesigen Kulturszene eine Institution – praktisch keine Pressekonferenz, Galerieeröffnung oder Vernissage ohne IMT. Mit vielen Künstlern, Galeristen, Museumschefs und Schauspielern ist sie per du. Ein guter Freund von ihr ist der Künstler Jonathan Meese, den sie als erste abgelichtet hatte. Bei ihrer Arbeit entstanden Abertausende Porträts und Schnappschüsse. Letztere bevorzugt sie: „Ich mache am liebsten Spontanfotos, fotografiere aus dem Augenblick heraus.“

Auch bei der Auswahl ihrer Motive hat sie eine klare Meinung: „Mich interessieren Gesichter, die nicht glatt sind, sondern Geschichten erzählen. Schöne Models langweilen mich.“
Den Terminstress vermisst sie überhaupt nicht: „Das war für mich ein Job, und der ist jetzt vorbei.“ Auf Anfrage erledigt sie aber noch heute Aufträge. Die Fotos versendet sie mit ihrem „Mac“, der aktuell mal wieder Macken hat. Im Keller hegt sie ihr riesiges Fotoarchiv mit Bildern von Prominenten, aber auch von vergessenen Lokalgrößen. Sie bedauert, dass sie während ihrer Berufstätigkeit nicht alle Filme beschriftet hat: „Nur ich weiß, wer auf den Fotos zu sehen ist. Für andere sind sie wertlos.“ Das Kulturgut nachträglich zu beschriften sei aber aus Zeitgründen unmöglich. „Was damit dereinst geschieht, ist mir nicht mehr wichtig – in 50 Jahren sind wir ohnehin alle vergessen“, sagt die „vom Verstand geleitete Realistin“, die über die Vergänglichkeit der Welt nur „ein bisschen“ traurig ist.

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