In Waldorfschulen gleichen Tafelbilder oft kleinen Kunstwerken. Foto: zimmermann

Vor gut vier Jahren wurde in Wilhelmsburg ein Projekt gestartet, das deutschlandweit für Aufsehen sorgte: Die Schule Fährstraße wurde zu einer Art staatlichen Waldorfschule umgewandelt. Doch vor zwei Jahren beendete der Verein für Waldorfpädagogik die Zusammenarbeit mit der Schulbehörde, der Versuch war gescheitert. Jetzt wird nach den Sommerferien 2019 eine Waldorfschule in Wilhelmsburg ihren Betrieb aufnehmen – mit mindestens 25 Vorschülern und Erstklässlern. Später soll die Schule dann nach und nach bis Klassenstufe 10 „hochwachsen“.
Schulträger ist der Verein für interkulturelle Waldorfpädagogik, der auf der Elbinsel bereits mehrere Kitas unterhält. Es ist die erste Waldorfschule im Stadtteil – und eine der ersten in ganz Hamburg, die ihren Betrieb in einem sozial schwächer gestellten Viertel aufnimmt.
Der Fokus liegt auf dem Miteinander der verschiedenen Kulturen, erwartet wird ein Migrantenanteil von mindestens 50 Prozent. Wie bei privaten Schulen üblich, wird ein Schulgeld erhoben. Dies richtet sich in Einzelfällen nach dem Budget der Eltern. „Geld darf kein Hinderungsgrund sein, unsere Schule zu besuchen“, sagt Marie-Luise Sparka aus dem Vereinsvorstand.

 

Wir sind
zuversichtlich, dass es klappt
Marie-Luise Sparka,
Vorstand Verein für
Waldorfpädagogik

Doch so ganz auf sicherem Grund steht die Schule – trotz der langen Vorlaufzeit von inzwischen mehreren Jahren – immer noch nicht. So sollte der Betrieb zunächst in „gemütlichen Schulcontainern“ am Veringkanal, neben dem Sanitaspark, starten – an gleicher Stelle, wo der Verein später auch ein festes Schulgebäude errichten möchte. Doch die Übergangslösung hat sich aus unbekannten Gründen zerschlagen.
„Das ist ein harter Schlag für uns gewesen“, berichtet Sparka, die nun zusammen mit ihren Kollegen eifrig auf der Suche nach einer weiteren geeigneten Fläche im Stadtteil ist. „Wir sind zuversichtlich, dass das klappt“, sagt sie.
Weiterhin wartet der Verein immer noch auf die offizielle Genehmigung der Schulbehörde. Sorgen mache man sich jedoch nicht, da die Behörde bereits Zustimmung signalisiert habe.
Als zusätzlichen Schwerpunkt hat sich die Wilhelmsburger Waldorfschule das Thema „Berufsvorbereitung“ auf die Fahnen geschrieben. Mit Beginn von Klassenstufe 7 sind Praktika in den Lehrplan integriert, Schüler sollen Kontakte zu Ausbildungsbetrieben knüpfen. Ab Klasse 11 geht es dann zweigleisig weiter: Entweder kann man eine Lehre beginnen (zum Beispiel Mechatronik, Schiffbau oder Holzbearbeitung), für die es nach drei Jahren den Gesellenbrief gibt. Wer das Abitur anstrebt, kann auf die Rudolf-Steiner-Schule in Harburg wechseln.

Kita wird ausgebaut

Ursprünglich sollte die neue Schule auf einem Grundstück neben der Waldorf-Kita in der Veringstraße – nördlich der Schule Rotenhäuser Damm – entstehen. Doch das Areal, das der Verein für interkulturelle Waldorfpädagogik zu dem Zweck erworben hatte, erwies sich letztendlich als zu klein. Nun wird dort ein Erweiterungsbau für die Kita errichtet.
Auch der Wilhelmsburger Stadtteilbeirat befasste sich zuletzt intensiv mit dem Projekt „Waldorfschule“. „Prinzipiell finde ich eine Wahlmöglichkeit für Kinder ganz gut“, sagt Beiratsmiglied Fred Rebensdorf (SPD). „Gute Schulen sollten auch für Eltern da sein, die nicht so viel Geld im Portemonnaie haben.“

❱❱ www.waldorfschule-
wilhelmsburg.de

 

Hintergrund

Die Waldorfpädagogik ist eine von Rudolf Steiner (1861–1925) gegründete Pädagogik auf der Grundlage der ebenfalls von ihm entwickelten Menschenkunde Anthroposophie. Was macht Waldorfschulen aus? Ein Blick auf die Homepage der Waldorfschule Wilhelmsburg gibt Auskunft. Dort heißt es:
„Vom ersten Schuljahr an lernen Waldorfschüler zwei Fremdsprachen. Jungen und Mädchen stricken, nähen und schneidern gemeinsam in der Handarbeit und sägen, hämmern und feilen zusammen im Werkunterricht.
In jeder achten und zwölften Klasse studieren sie ein anspruchsvolles Theaterstück ein und setzen sich in einer großen Jahresarbeit mit einem Thema ihrer Wahl in Theorie und Praxis auseinander.
Die Fächer Gartenbau und Eurythmie sind feste Bestandteile des Lehrplans. Vielseitige Praktika wie Landbau-, Vermessungs-, Forst-, Industrie- und Sozialpraktikum, sind in den oberen Klassen fester Bestandteil des Schuljahres.“
In der Unter- und Mittelstufe wird auf Noten verzichtet, an Stelle der Noten stehen ausführliche Berichtszeugnisse. „Waldorfschüler lernen von der ersten bis zur elften Klasse in einer Klassengemeinschaft, unabhängig vom angestrebten Schulabschluss: Niemand wird unterwegs sitzengelassen.“

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