Mietete 1968 seine erste Laube: Hans- Jürgen Pfaff gehört zu den dienstältesten Laubenpiepern am Kuckuckshorn. Foto: cvs

Mit leerem Magen hat man die besten Gedanken, sagt man. Etwa so muss es einer Gruppe von zehn Lokführern ergangen sein, die vor ziemlich genau 100 Jahren – im November 1918 – zusammenkam, um im Süden der Elbinsel eine Schrebergartenkolonie zu gründen. Möhren, Salat und Kartoffeln aus dem eigenen Garten – das war das Rezept, mit dem man der allgemeinen Lebensmittelknappheit nach dem Ersten Weltkrieg ein Schnippchen schlagen wollte.
Kürzlich hat der Gartenverein Wilhelmsburg (Vereinsnummer „KGV 719“) sein 100-jähriges Bestehen gefeiert. Damit ist er der älteste seiner Art im Stadtteil. Es gab ein großes Buffet, rund 100 Gäste waren da, der Großteil davon aus benachbarten Kleingartenvereinen. Eine schöne Feier sei es gewesen, sagt der Vereinsvorsitzende Hans-Jürgen Pfaff (78). „Wir sind rundum zufrieden!“

Nadelbäume waren nicht
erlaubt, weil
sie zu sehr
an Friedhof
erinnerten
Hans-Jürgen Pfaff,
Gartenverein
Wilhelmsburg KGV 719

Rund 80 Parzellen zählte die Kolonie in ihren Anfangstagen. Damals wurden ausschließlich Eisenbahner und deren Familien aufgenommen. Feste Regeln sorgten dafür, dass alles in geordneten Bahnen verlief: So musste das Verhältnis zwischen Ziergarten und Gemüsebeet stets bei zwei Dritteln zu einem Drittel liegen. Nadelbäume – sehr beliebt, weil schnell wachsend – waren nicht erlaubt, weil sie, wie Pfaff sich erinnert, „zu sehr an einen Friedhof erinnerten“.
Später, in den 1970er Jahren, wuchs die Kolonie kräftig an: Aus 80 wurden 127 Parzellen – eine Zahl, die noch heute Bestand hat. Zu den einheimischen Anbaupflanzen gesellten sich nach und nach neue Gemüsesorten wie Paprika, Zucchini und Auberginen. Längst werden nicht mehr nur Bahnbeamte aufgenommen. Gab es anfangs ausschließlich Männer, die als Kleingartenpioniere den Spaten zur Hand nahmen, liegt der Frauenanteil heute bei 25 Prozent. Aktuell hat weit über die Hälfte der Pächter ausländische Wurzeln.
Zurzeit steht dem Verein ein Umbruch bevor: Etliche Nutzer befinden sich im fortgeschrittenen Rentenalter und müssen ihre Laube aus gesundheitlichen Gründen aufgeben. Neue Interessenten können sich auf eine Warteliste setzen lassen. „Das kann ganz schnell gehen, manchmal sogar von heute auf morgen“, sagt Pfaff.

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Drei Fragen an: Hans-Jürgen Pfaff (78), Vorsitzender
des Gartenvereins Wilhelmsburg von 1918

EW: Herr Pfaff, mit rund 50 Jahren Nutzungsdauer gehören Sie zu den dienstältesten Laubenpiepern am Kuckuckshorn. Bitte schildern Sie uns die Anfänge.
Hans-Jürgen Pfaff: Wir wohnten damals mit unseren beiden kleinen Söhnen in Kirchdorf-Süd. Ich hatte Arbeit als Decksmann und Lkw-Fahrer im Hafen. Bis zu 16 Stunden am Tag ging das manchmal – der Job war wirklich anstrengend! Die eigene Laube war für uns ein willkommener Ort des Rückzugs von all dem Alltagsstress.

Die Wilhelmsburger Kleingärten kannten Sie ja schon vorher recht gut...
Richtig, bei der Flutkatastrophe von 1962 war das. Als Bundeswehrsoldat hatte man mich für die Rettungsmannschaft eingeteilt. Per Schlauchboot holten wir die Leute von den Bäumen und Hausdächern. Aber es gab auch viele tragische Geschichten: Einen Mann haben wir in der Zeidlerstraße auf einem selbstgebauten Floß angetroffen. Im Schlepptau zog er seine Frau hinter sich her. Sie war tot – ertrunken.

Auf der Elbinsel wird sich in nächster Zeit einiges tun: Die Reichsstraße wird verlegt, neue Wohnungen werden gebaut. Betrifft Sie das?
Der Landesbund der Gartenfreunde hat uns versichert, dass wir unsere Gärten behalten dürfen. Aber man weiß nie: Vielleicht lassen sie uns nur die ersten paar Jahre in Ruhe und bauen erst später…? Nun – ich hoffe nicht.
Ändern wird sich der Geräuschpegel. Wenn wir bisher die Wilhelmsburger Reichsstraße gehört haben, hieß es: Morgen scheint die Sonne. Wenn wir die Bahn hörten, sagten alle: Morgen wird es ganz besonders schön! Denn der Ostwind bringt ja im Allgemeinen gutes Wetter. Nach der Zusammenlegung wird bei uns künftig nur noch ein gemeinsames Verkehrsrauschen von Straße und Eisenbahn ankommen.

 

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