Björn Meyer

Mateo Schneider, Sternschanze

Die Spielerin täuscht den Schuss nur an, wartet aber, bis der Torwart wie die sprichwörtliche Bahnschranke viel zu langsam nach unten abgetaucht ist. Dann zimmert sie den Ball unerreichbar für den Keeper unter die Latte. „Mist!“. Der Keeper hat nur wenige Sekunden, um lautstark mit sich zu hadern, dann ist er unter einem Berg von lauthals lachenden Spielerinnen verschwunden. Jedes Mal, wenn sich das Knäuel wieder aufgelöst hat, hangelt sich der Torwart zurück in seinen Rollstuhl, der unmittelbar neben dem Tor postiert ist.

Björn Meyer ist von Geburt an körperbehindert. „Kaudales Regressionssyndrom“. Ab der Hüfte abwärts sind seine Knochen schief oder fehlen ganz, die Füße missgebildet. Seine Spielerinnen müssen nur warten, bis er nicht mehr stehen kann, und dann nur noch das Tor treffen.

Der 24-Jährige, der die 16-jährigen Fußballerinnen des SC Sternschanze trainiert, gibt zur allgemeinen Begeisterung gerne den Torwart. Mit allen Konsequenzen. Die Art und Weise des gemeinsamen Umgangs damit sagt einiges über Björn Meyer. Er kann mitlachen und gleichzeitig darüber schimpfen, dass er ihn wieder nicht gehalten hat. Bloß kein falsches Mitleid.

Sein Leben ist von Beginn an Kampf. Kampf mit ungeeigneten Einrichtungen, durch die er geschleust wird. „Ich hatte nie mit Gleichaltrigen zu tun.“ Das habe ihn zu einem Einzelgänger gemacht. Kampf mit der Leere nach dem Abitur. „Was fängt man mit sich an?“ Der erste Versuch eines Lehramtsstudiums in Greifswald scheitert, weil es zuwenig Bewerber gibt. Der zweite in Erlangen, weil es Probleme mit der Bafög-Bewilligung gibt und ihm das Geld ausgeht.

Zurück in Hamburg beginnt er, für gedruckte und Online-Magazine über Fußball zu berichten. Überhaupt Fußball. Der SC Sternschanze habe ihn solange genervt, Trainer zu werden, „bis ich zugestimmt habe. Ich konnte ja nicht weglaufen.“ Selbstironie ist hervorstechender Charakterzug Meyers. Irgendwann springt er bei einem Jugendspiel als Schiedsrichter ein. Danach nerven sie ihn solange, bis er seinen Schiedsrichterschein macht. In der vergangenen Saison hat er 127 Spiele gepfiffen, bis hinauf in die U-15-Oberliga.

Aber auch der Fußball ist keine einsame Insel. „Das ist doch keine Sozialstation hier“, motzt ein Trainer nach einer umstrittenen Entscheidung. Ein Mann neben ihm antwortet: „Lass mal, er kann das im Rollstuhl nicht besser sehen.“ Er nehme den „Behindertenbonus“ hin, sagt Björn Meyer. „Ich habe dann meine Ruhe.“ Seine Kraft wird er noch brauchen. „Ich will noch einmal durchstarten“, als Lehramtsstudent oder Auszubildender im Büro.

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