Im SV Wilhelmsburg wird in 17 Abteilungen Sport getrieben. Das Angebot reicht von Fußball, Ballett, Faustball bis zu Karate und Boxen. Foto: pr

Im Hamburger Sport rumort es. Kleine und mittlere Vereine fühlen sich durch den Hamburger Sportbund (HSB) nur unzureichend vertreten. Vertreter unzufriedener Clubs haben die Interessengemeinschaft Hamburger Vereine (IGHV) gegründet. Sie soll den kleinen Vereinen als Sprachrohr dienen und helfen, deren Anliegen mehr Nachdruck zu verleihen. „Die Interessengemeinschaft soll aufzeigen, dass sich kleine und mittlere Vereine den Arsch aufreißen, aber unterm Strich immer nur unten ‘rumzappeln“, formuliert Hartmut Wirl, Geschäftsführer des TuS Harburg/Wilhelmsburg, drastisch.
Hintergrund: Im HSB waren 2018 insgesamt 819 Vereine mit 525.053 Mitgliedern organisiert. Die Hamburger Sportfachverbände sind ebenfalls Mitglied im HSB. 25 Vereine haben mehr als 3.000 Mitglieder.
Je mehr Mitglieder ein Verein oder Verband hat, desto mehr Stimmen nekommt er bei der Mitgliederversammlung. Mit seinen 1.400 Mitgliedern kommt der TuS Harburg/ Wilhelmsburg auf 14 Stimmen, der SV Wilhelmsburg auf 16. Allein dem HSV eV stehen über 800 Stimmen zu, dem Hamburger Fußballverband über 600.
Im Klartext: Wenn sich vier, fünf Großvereine einig sind, haben die anderen 800 Clubs nichts mehr zu melden. Die Frage, ob das ein demokratischer Mehrheitsbeschluss ist oder ob vielleicht ein Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz vorliegt, wurde bislang noch nicht abschließend juristisch geklärt.

Ich möchte ein faires, auf
Augenhöhe
Miteinander umgehen
Hartmut Wirl,
Geschäftsführer
TuS Harburg

„Ich möchte ein faires, auf Augenhöhe miteinander, und dass jeder kleine Verein genauso gleichberechtigt ist wie die großen“, so Wirl. Sein Vorschlag: Auf der HSB-Mitgliederversammlung gilt „ein Verein, eine Stimme“, innerhalb von Verbänden könnte bei der Stimmenzahl die Vereinsgröße berücksichtigt werden. Um dies zu erreichen, müsste die HSB-Satzung mit einer Zweidrittelmehrheit geändert werden.
Wo fallen kleinere Vereine denn konkret hinten runter?
Großvereine können mit ihren Beziehungen zu Politik und Verwaltung in ihrem Interesse Einfluss nehmen, auch am HSB vorbei. Kleine Vereine verfangen sich im Gestrüpp der Bürokratie und können deswegen selbst ihnen zustehende Mittel nur unter großen Schwierigkeiten beantragen.

Ann-Christin Schwenke (Geschäftsführerin SV Lurup): „Vereine müssen 20 Jahre alte Richtlinien erfüllen, die nicht mehr zeitgemäß sind. So hat zum Beispiel nicht jeder Verein viele Jugendliche, einige Clubs haben den Focus auf Seniorensport. Die haben dann aber kaum eine Chance, beim HSB irgendeine Art von Förderung zu erhalten, weil in fast jeder Richtlinie ein Anteil an Jugendlichen im Verein gefordert wird.“
Auch bei der Umsetzung von Programmen wie „Kids in die Clubs“ stoßen kleinere Vereine angesichts der üppigen Formalitäten schnell an ihre Grenzen.
Die IGHV soll ein Gegengewicht zu den Top-Sportvereinen bilden. „Wir stehen für sportliche Vielfalt und sind in Sportarten aktiv, die häufig in Großvereinen unterrepräsentiert sind.“
Zu erreichen ist die Interessengemeinschaft per E-Mail an schwenke@svlurup.de oder per Post über den HFC Falke, Stellinger Weg 28, 20255 Hamburg.

Das sagt der HSB

25 Vereine im Hamburger Sportbund haben mehr als 3.000 Mitglieder. Die fünf Vertreter mit den meisten Stimmen sind der HSV eV, der Hamburger Fußballverband, der Verband für Turnen und Freizeit, der FC St. Pauli und der Eimsbütteler Turnverband.

Seit wann gilt die Regelung, dass Vereine auf HSB-Mitgliederversammlungen je 100 Mitglieder eine Stimme und Verbände je 300 Mitglieder eine Stimme haben? „Die letzte Satzungsänderung zur Stimmverteilung wurde 1980 durchgeführt, seitdem gilt die aktuelle Regelung. Die vorherige Regelung sah seit 1949 für Vereine ebenfalls eine Stimme für jedes volle Hundert seiner Mitglieder vor“, erläutert Maarten Malczak, HSB-Referatsleiter Politik und Kommunikation.

Warum gilt nicht das Prinzip „Ein Verein, eine Stimme“? „Weil die HSB-Mitgliederversammlung seit 1949 keine entsprechende Satzungsänderung beschlossen hat.“
Wie sorgt der HSB dafür, dass auch die Interessen kleiner Vereine angemessen berück-sichtigt werden? „Wir haben eine Vielzahl von Sportvereinen unterschiedlicher Größen in der Förderung und in Beratungsprozessen, darunter auch viele kleinere und mittlere Vereine. Im Rahmen unserer sportpolitischen Interessenvertretung versuchen wir auch gegenüber Behörden und Politik die Interessenlagen dieser kleineren Vereine in die Prozesse einzubringen und unterstützen die Vereine bei ihren Anliegen.“

 

Das sagt SV Wilhelmsburg-Geschäftsführer Philip Wendt

Seit Oktober 2018 verfügt der SV Wilhelmsburg mit Philip Wendt über einen hauptamtlichen Geschäftsführer. Er soll auch dafür sorgen, dass der mitgliederstärkste Verein der Elbinsel die rasante städtebauliche Entwicklung mitgestalten kann. Die Beiträge des SVW liegen etwa um 30 Prozent unter dem Durchschnitt im Hamburger Süden.
„Es ist uns wichtig, möglichst vielen Kindern und Jugendlichen den Zugang zu Sportangeboten zu ermöglichen, egal wieviel Geld ihre Eltern verdienen“, sagt Wendt.
Die IGHV ist nötig, um die Idee des „traditionellen“ Vereinslebens auch in der Moderne aufrechterhalten zu können: Uns geht es um Gemeinschaft, nicht um Profit.
Innerhalb des HSB dominieren oftmals die großen Topsportvereine, da diese zum einen hauptamtlich geführt werden und nicht ehrenamtlich und zum anderen deutlich mehr Mitglieder haben. Dies ist weder ein Vorwurf gegen den HSB noch gegen die großen Sportvereine, sondern eine demokratische Tatsache: die Mehrheit entscheidet.
Mit der IGHV wollen wir ein Forum schaffen, in dem sich die kleinen und mittleren Vereine austauschen und dann gemeinsame Ideen innerhalb und außerhalb des HSB vorantreiben können. Damit auch unsere sozialen Projekte in den Quartieren breitere Aufmerksamkeit und finanzielle Unterstützung durch den HSB, Stiftungen und die Stadt Hamburg erfahren.

Das sagt Hartmut Wirl (TuS Harburg-Wilhelmsburg)

TuS Harburg/ Wilhelmsburg- Geschäftsführer Hartmut Wirl nimmt kein Blatt vor den Mund. „Der HSB darf bei Vertragsverhandlungen kein zahnloser Tiger wie bisher bleiben.
Alle haben sich auf der letzten HSB-Versammlung auf die Schulter geklopft und sich gefreut: Was haben wir für einen guten Vertrag mit Stadt. Dabei hat Sportinfrastruktur keine müde Mark mehr, bei Integration wird sogar gekürzt. Das ist Fakt. Alle haben gut gearbeitet – und unten kommt weniger an. Der HSB muss seine Interessen vehementer gegenüber Politik vertreten. Das wird aber mit dem jetzigen Präsidenten nichts werden.“

Siehe auch Artikel „Was will die Interessengemeinschaft Hamburger Vereine?“

 

 

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