Fix was los auf dem Sportplatz des SC Sternschanze. Foto: schneider

Olaf Zimmermann, Hamburg-West

Im Hamburger Sport rumort es. Kleine und mittlere Vereine fühlen sich durch den Hamburger Sportbund (HSB) nur unzureichend vertreten. Vertreter unzufriedener Clubs haben die Interessengemeinschaft Hamburger Vereine (IGHV) gegründet. Sie soll den kleinen Vereinen als Sprachrohr dienen und helfen, deren Anliegen mehr Nachdruck zu verleihen. „Ziel der Interessengemeinschaft muss es sein, so viel Druck zu erzeugen, dass auch die Interessen kleiner und mittlerer Sportvereine auf dem öffentlichen Radar erscheinen“, formuliert Uwe Wetzner, Vorsitzender des SC Sternschanze.

Hintergrund: Im HSB waren 2018 insgesamt 819 Vereine mit 525.053 Mitgliedern organisiert. Die Hamburger Sportfachverbände sind ebenfalls Mitglied im HSB. 25 Vereine haben mehr als 3.000 Mitglieder.
Je mehr Mitglieder ein Verein oder Verband hat, desto mehr Stimmen bekomt er auf der Mitgliederversammlung. Mit seinen 1.400 Mitgliedern kommt der SC Sternschanze auf 14 Stimmen, der SV Lurup auf 21 Stimmen. Allein dem HSV eV stehen über 800 Stimmen zu, dem Hamburger Fußballverband über 600.

Im Klartext: Wenn sich vier, fünf Großvereine einig sind, haben die anderen 800 Clubs nichts mehr zu melden. Die Frage, ob das ein demokratischer Mehrheitsbeschluss ist oder ob vielleicht ein Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz vorliegt, wurde bislang noch nicht abschließend juristisch geklärt.

„Ich möchte ein faires, auf Augenhöhe miteinander Umgehen, und dass jeder kleine Verein genauso gleichberechtigt ist wie die großen“, so Hartmut Wirl (Geschäftsführer TuS Harburg). Sein Vorschlag: Auf der HSB-Mitgliederversammlung gilt „Ein Verein, eine Stimme“, innerhalb von Verbänden könnte bei der Stimmenzahl die Vereinsgröße berücksichtigt werden. Um dies zu erreichen, müsste die HSB-Satzung mit einer Zweidrittelehrheit geändert werden.

Wo fallen kleinere Vereine denn konkret hinten ´runter?
Großvereine können mit ihren Beziehungen zu Politik und Verwaltung in ihrem Interesse Einfluss nehmen, auch am HSB vorbei. Kleine Vereine verfangen sich im Gestrüpp der Bürokratie und können deswegen selbst ihnen zustehende Mittel nur unter großen Schwierigkeiten beantragen.
Ann-Christin Schwenke (Geschäftsführerin SV Lurup): „Vereine müssen 20 Jahre alte Richtlinien erfüllen, die nicht mehr zeitgemäß sind. So hat zum Beispiel nicht jeder Verein viele Jugendliche. Einige Clubs haben den Focus auf Seniorensport. Die haben dann aber kaum eine Chance, beim HSB irgendeine Art von Förderung zu erhalten, weil in fast jeder Richtlinie ein Mindestanteil an Jugendlichen im Verein gefordert wird.“ Auch bei der Umsetzung von Programmen wie „Kids in die Clubs“ stoßen kleinere Vereine angesichts der üppigen Formalitäten schnell an ihre Grenzen.
Die IGHV ein Gegengewicht zu den Top-Sportvereinen bilden. „Wir stehen für sportliche Vielfalt und sind in Sportarten aktiv, die häufig in Großvereinen unterrepräsentiert sind.“
Zu erreichen ist die Interessengemeinschaft per E-Mail an schwenke@svlurup.de oder per Post über den HFC Falke, Stellinger Weg 28, 20255 Hamburg.

SC Sternschanze

Der SC Sternschanze hat rund 1.400 Mitglieder. Der Verein wird ehrenamtlich geleitet und verfügt über keine hauptamtlich geführte Geschäftsstelle. Vereinschef Uwe Wetzner unterstützt die IGHV: „Eine Interessengemeinschaft kleiner und mittlerer Vereine ist überfällig, um nicht zwischen dem HSB und den ,Top-Sportvereinen’ zerrieben zu werden. Ein Zusammenschluss ist die einzige Möglichkeit, gemeinsame Interessen zu formulieren und sich im HSB auch entsprechend Gehör zu verschaffen.
Gleiches gilt für die Politik. Für viele Vereine, die nicht über die finanzielle Ausstattung, eigene Hallen und Sportplätze der Großvereine verfügen, geht es auch um die mittel- und langfristige Überlebensfähigkeit.

Was will die Interessengemeinschaft Hamburger Vereine?
Ein Interview mit Ann-Christin Schwenke (SV Lurup)

Ann-Christin Schwenke hat die Interessengemeinschaft Hamburger Vereine (IGHV) mit ins Leben gerufen. Das Wochenblatt sprach mit der Geschäftsführerin des SV Lurup.

Warum gibt es die IGHV?
Die IGHV ist ein Zusammenschluss aus kleinen und mittleren Vereinen in Hamburg. Wir haben uns zusammengeschlossen, da besonders kleine und mittlere Vereine oft nicht gehört werden vom Verband, der Öffentlichkeit und von der Politik in der Stadt Hamburg.
Wir sehen die sportpolitische Entwicklung in unserer Stadt zum Teil sehr kritisch, denn große Vereine vereinnahmen ganze Stadtteile – und dadurch auch viele Hallen- und Platzzeiten. Außerdem werden die Großsportvereine mittlerweile an bestehenden Förderprogrammen vorbei direkt von Senat und Bürgerschaft gefördert.

Wir sehen einen großen Verbesserungsbedarf bei der Interessenvertretung der kleinen und mittleren Vereine, und da bis dato niemand die Stimme für kleine und mittlere Vereine übernommen hat, sehen wir uns selbst in der Position, dies zu tun. Wir vertreten als notwendiges Gegengewicht die Interessen eben dieser mehr als 90 Prozent, der nicht zu den Topsportvereinen gehörenden Vereine und Verbände in unserer Heimatstadt.

Was ist das Ziel der IGHV?
Wir wollen die Aufmerksamkeit wieder vermehrt auf die tragende Säule des Vereinssports lenken. Hierbei ist vor allem das Thema Ehrenamtlichkeit zu nennen. Die IGHV strebt an, sowohl beim HSB als auch in der Politik wieder mehr Gehör zu finden. Wir stellen ein gemeinsames Austauschnetzwerk dar, das in Zukunft weiter ausgebaut werden soll.
Dabei geht es darum, auch einmal über die Bezirksgrenzen hinaus zu schauen, wie man gemeinsam den Sport fördern kann. Wir wollen mehr Klarheit bei der Vergabe von Sporthallen- und Sportplatzzeiten, die sportliche Vielfalt in den Vereinen fördern sowie mehr kleine und mittlere Vereine dazu motivieren, an der Mitgliederversammlung des HSB teilzunehmen.

Wie soll das Ziel erreicht werden?
Wir werden auch in diesem Jahr möglichst viele Kanäle nutzen, um für die Interessengemeinschaft zu werben und weiterhin zu wachsen. Nur so stellen wir sicher, dass möglichst viele Vereine erreicht werden können.
Weiterhin werden wir unsere Themen gezielt in den Gesprächen mit dem HSB Vorstand und dem Präsidium anbringen und die Verschriftlichung gemeinsamer Ziele fordern. Gemeinsam wollen wir positive Effekte aus dem Zusammenschluss erzielen, die es ermöglichen, Projekte zusammen anzugehen und zu gestalten – im Interesse kleiner und mittlerer Vereine.

Bis wann?
Alle unsere Ziele sind mittel- bis langfristige Zielsetzungen. Wir werden versuchen, möglichst schon in diesem Jahr das ein oder andere Teilziel zu realisieren oder anzutreiben. Viele der Zielsetzungen benötigen vor allem Zeit und Engagement, aber wir werden nicht müde werden, kontinuierlich an Teilzielen zu arbeiten und uns dafür einzusetzen.

Das sagt der HSB

25 Vereine im Hamburger Sportbund haben mehr als 3.000 Mitglieder. Die fünf Vertreter mit den meisten Stimmen sind der HSV e.V, der Hamburger Fußballverband, der Verband für Turnen und Freizeit, der FC St. Pauli und der Eimsbütteler Turnverband.

Seit wann gilt die Regelung, dass Vereine auf HSB-Mitgliederversammlungen je 100 Mitglieder eine Stimme und Verbände je 300 Mitglieder eine Stimme haben? „Die letzte Satzungsänderung zur Stimmverteilung wurde 1980 durchgeführt, seitdem gilt die aktuelle Regelung. Die vorherige Regelung sah seit 1949 für Vereine ebenfalls eine Stimme für jedes volle Hundert ihrer Mitglieder vor“, erläutert Maarten Malczak, HSB-Referatsleiter Politik und Kommunikation.

Warum gilt nicht das Prinzip „Ein Verein, eine Stimme“? Malczak: „Weil die HSB-Mitgliederversammlung seit 1949 keine entsprechende Satzungsänderung beschlossen hat.“

Wie sorgt der HSB dafür, dass auch die Interessen kleiner Vereine angemessen berücksichtigt werden? Malczak: „Wir haben eine Vielzahl von Sportvereinen unterschiedlicher Größen in der Förderung und in Beratungsprozessen, darunter auch viele kleinere und mittlere Vereine. Im Rahmen unserer sportpolitischen Interessenvertretung versuchen wir auch gegenüber Behörden und Politik die Interessenlagen dieser kleineren Vereine in die Prozesse einzubringen und unterstützen die Vereine bei ihren Anliegen.“

1 KOMMENTAR

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here