Helmut Schmidt bei einem SPD-Parteitag in Dortmund 1976. Foto: Wikipedia/ bundesarchiv

Folke Havekost und
Volker Stahl, Hamburg

Die Zigarette sei das vollendete Urbild des Genusses: Sie sei köstlich und lasse uns unbefriedigt – der englische Dichter-Dandy Oscar Wilde sah in der Zigarette den „vollkommenen Genuss“. Doch die kleine Kippe konnte im beginnenden Zeitalter der kleinen Verbote auch für großen Verdruss sorgen.

In Hamburg ist das Rauchen in öffentlichen Gebäuden seit 2008 untersagt – eine kleine persönliche Katastrophe für den passionierten Raucher Helmut Schmidt. Was machte er? Nun ja, er scherte sich nicht darum: Es begab sich im Winterhuder Fährhaus, einem gutbürgerlichen Lustspieltheater in Alsternähe: Beim Neujahrspunsch zünden sich Alt-bundeskanzler Helmut Schmidt und seine Gattin Hannelore, die jeder nur unter dem Kosenamen Loki kennt, eine Reyno Menthol an. Ein Fotograf bemerkt die Szene, betätigt den Auslöser und schickt die Bilder an die Bild. Die Zeitung wird auch in Wiesbaden gelesen, unter anderem von Horst Keiser, der die dortige Nichtraucherinitiative leitet.

Er erstattet Anzeige wegen Körperverletzung (Strafrahmen bis zu fünf Jahre) gegen die Eheleute. Auch Theaterleiter Michael Lang droht ein Ordnungsgeld, weil er dem seit 1942 verheirateten Paar einen Aschenbecher besorgt hat. „Ich wollte ja nicht, dass auf den Teppich geascht wird“, rechtfertigt sich der Hamburger Schwejk.
Die Anzeige erntete Kopfschütteln, an Beistand für die Schmidts mangelte es nicht. „Es wäre für jeden peinlich, der ihnen nicht den Aschenbecher reichte“, proklamierte die FAZ.

Der von Rauchverboten geplagte Hotel- und Gaststättenverband Kiel sah durch das Schmidt’sche Zündeln gar ein „Leuchtfeuer für den unterdrückten Untertanen“ aufflackern. Horst Keiser beeindruck- te das nicht. „Die Gesundheit der anwesenden Menschen interessiert einen Helmut Schmidt überhaupt nicht“, wetterte der Nichtraucheraktivist, „er setzt sich seit Jahrzehnten über bestehende Rechte hinweg“.

Selbst Ärzte rieten dem
Atlkanzler zum Nikotin

Doch gerade dafür liebten ihn die meisten Hamburger. Frühen Ruhm erwarb sich Helmut Schmidt in seiner Heimatstadt nicht durch Feuer, sondern im Kampf gegen das nasse Element. Im Februar 1962 peitschte ein Sturm die Elbe wütend über die Deiche. Zur Bewältigung der Sturmflut eignete sich der junge Innensenator Kompetenzen an, die weder in der Hamburgischen Landesverfassung noch im Grundgesetz zu finden waren. Mit Erfolg: Schmidt bändigte die Naturgewalt und begrenzte die Opferzahl durch unkonventionelle Maßnahmen. Seitdem gilt er in Hamburg als strahlender Held, dessen Glanz auf andere abstrahlen kann.

Als Helmut Schmidts Ehefrau Loki erzählte, selbst Ärzte würden ihnen vom Nichtrauchen abraten („Die Umstellung würde zu viel Stress für den Körper bedeuten“) – gewann das freudlose Gesundheitswesen, das ihren Gatten mit vier Bypässen und einem Herzschrittmacher versorgt hatte, plötzlich ein unverhofft fröhliches Antlitz.

Trocken lästerte der betagte Delinquent, den man im Politikbetrieb „Schmidt Schnauze“ genannt hatte, die Nachricht aus Wiesbaden sei in seinem Leben die dritte Anzeige gegen ihn. Damit stehe sie neben den Ermittlungen 1944 wegen Wehrkraftzersetzung – er hatte einen Witz über die Nazis gemacht – und 1962 wegen Landesverrats im Zuge der Spiegel-Affäre. Noch Fragen, bitte?

Den Hamburgern gefiel solch stolzes Selbstbewusstsein, das die Grenze zur Arroganz bisweilen verschwimmen ließ. Viele ältere Hanseaten erinnern sich mit Vergnügen an die Fernsehdebatte zur Bundestagswahl 1976. Während CDU-Herausforderer Helmut Kohl versuchte, die sozialliberale Regierungspolitik anzugreifen, fleezte sich Schmidt zurückgelehnt im Studiosessel und erstickte die gegnerischen Vorstöße nonchalant im nebligen Dunst seiner Zigaretten.

Der Qualm einer
Reyno Menthol

Wo Nikotinstummel in der aktuellen TV-Landschaft eher zur Überführung von Schwerverbrechern mittels DNA-Analyse dienen, ließ sich die Botschaft damals durch alle bläulichen Schwaden klar erkennen. Lässige Raucher sind Männer der Tat: Bond, Bogart, Belmondo – oder eben Helmut Schmidt. Der bemühte Kohl dagegen: Provinzkino (wofür sich der Pfälzer sechs Jahre später im kleinen Bonn mit dem Kanzlersturz per Misstrauensvotum rächen sollte).

Kohl oder gar Merkel mit Kippe – unvorstellbar. Während Schmidts Nachfolger im Kanzleramt sich später mit erdenschweren Memoirenbänden beschäftigte, bevorzugte sein einstiger Rivale den leichten, flüchtigen Einwurf. Als Mitherausgeber der „Zeit“ parlierte er einmal wöchentlich mit Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Unter dem Motto „Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt“ gab der Elder Statesman Sätze zu Protokoll, die dahin wehten wie der Qualm einer Reyno Menthol. „Die politische Kultur Russlands besteht aus Diktatur“ etwa. Mochten sie auch noch so bedeutungsvoll scheinen, einfangen ließen sie sich nur schlecht – Schall und Rauch eben.

Auch die Anzeige des Herrn Keiser löste sich in Wohlgefallen auf, zumindest für die vermeintlichen Übeltäter. Zwar griff Helmut Schmidt in der Öffentlichkeit in den letzten Jahren seines Lebens lieber zum Schnupftabak, und sogar in einer Diskussion mit Pfeifenraucher Günter Grass blieb der Glimmstängel kalt.

Lokis Einsatz für
gefährdete Pflanzen

Blieb als Raucherrückzugsraum das Anwesen der Schmidts, ein Reihenhausgrundstück im ruhigen Langenhorn. Seine naturbegeisterte Ehefrau betrieb dort ein Gewächshaus, ihre Loki-Schmidt-Stiftung führt ihr Lebenswerk fort und setzt sich für gefährdete Pflanzen ein. Der Große Klappertopf wird da geschützt, auch die Nickende Distel. Von einem Engagement der Stiftung für die Tabakpflanze ist nichts bekannt.

❱❱ Im Reclam-Verlag ist anlässlich des 100. Geburtstags des Manns mit der Prinz-Heinrich-Mütze eine empfehlenswerte kleine Würdigung erschienen, die in jede Manteltasche passt:
Meik Woyke: Helmut Schmidt. 100 Seiten, Reclam Verlag, Stuttgart 2018, zehn Euro

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