Im Foyer der Rindermarkthalle hat Andreas seit dem Sommer seinen Arbeitsplatz als Verkäufer des Straßenmagazins Hinz&Kunzt. Foto: stahlpress

Volker Stahl, St. Pauli

Fünf Jahre verbrachte Andreas L. auf der Straße. Seit März 2018 lebt er wieder in einer eigenen Wohnung – dank der Unterstützung des Obdachlosenprojekts Hinz&Kunzt. So viel Glück wie der 46-Jährige haben nicht viele. Die Zahl der Obdachlosen in Hamburg hat sich im vergangenen Jahrzehnt auf rund 2.000 verdoppelt, und 5.000 Menschen leben in Notunterkünften der Stadt.

Joannas Leben währte nur 43 Jahre. Anfang November wurde die Frau von Passanten auf einer Parkbank in Niendorf gefunden. Sie atmete nicht mehr und war mutmaßlich an Unterkühlung gestorben. Die gebürtige Polin ist das erste Kälteopfer dieses Winters.

„Ohne Hinz&Kunzt
wäre ich richtig versackt“

Andreas L. hat mehr Glück gehabt, wie er bei einem Pott Kaffee beim Bäcker in der ehemaligen Rindermarkthalle auf St. Pauli erzählt: „Ohne Hinz&Kunzt wäre ich richtig versackt und hätte heute keine Wohnung. Die Unterstützung war für mich sehr wichtig, zumal das Leben auf der Straße bei angeschlagener Gesundheit kein Zuckerschlecken ist.“ Ein halbes Jahrzehnt hat er mit Unterbrechungen „on the road“ verbracht – auf Betten aus Beton, die Gift für seine Gesundheit waren. Der Rücken schmerzt, eine Hüfte ist kaputt.

Im Foyer des Einkaufszentrums hat Andreas seit dem Sommer seinen Arbeitsplatz als Verkäufer des Straßenmagazins Hinz&Kunzt. An seiner Jacke pappt der Ausweis mit der Nummer 1.745, der ihn als Straßenverkäufer legitimiert. Dort sitzt er jeden Tag von 9.30 bis 14.30 Uhr.

Der gebürtige Dortmunder ist einer von 6.555 Hinz&Künztlern. Viele sind obdachlos, einige betreiben „Sofahopping“ bei Bekannten, andere leben in Hilfseinrichtungen. Die Zahl der Wohnungslosen in Hamburg hat sich laut Senatsantwort auf eine Kleine Anfrage der CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Franziska Rath seit 2009 bis heute fast verdoppelt – von 1.029 auf 1.910. Von diesen besitzen rund 36 Prozent einen deutschen Pass, die meisten Wohnungslosen stammen infolge der Freizügigkeit innerhalb der EU aus dem Baltikum und dem Balkan.

Durch individuelle Hilfestellungen der Fachstellen konnte in 5.435 Fällen der Verlust der Wohnung vermieden werden

Nicht nur die Zahl der Obdachlosen steigt, auch die der prekär Wohnenden. Rund 4.800 Menschen leben aktuell in städtischen Unterkünften. Außerdem konnten im vergangenen Jahr 2.146 Wohnungen an von Obdachlosigkeit bedrohte Menschen vermittelt werden. Zum Vergleich: 2014 waren es „nur“ 1.207 Einheiten. „Die Vermittlung von Wohnungslosen in regulären Wohnraum klappt immer besser“, sagt Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD), „die bezirklichen Fachstellen für Wohnungsnotfälle nehmen hier eine Schlüsselfunktion ein.“

Darüber hinaus ist es der Stadt 2017 gelungen, in mehr als 80 Prozent der Fälle, in denen Personen von Wohnungsverlust bedroht waren, die Kündigung oder die drohende Räumung abzuwenden. Durch individuelle Hilfestellungen der Fachstellen konnte in 5.435 Fällen der Verlust der Wohnung vermieden werden.

Magazinverkäufer Andreas L. ist auf St. Pauli mittlerweile bekannt wie ein bunter Hund. Der Tierfreund, der mit Wehmut von seiner vor vier Jahren gestorbenen Hündin Jenny erzählt, hat immer ein Leckerli für seine vierbeinigen Freunde dabei. Einer seiner besten Abnehmer ist Old English Bulldog Freddy, der einer jungen Frau gehört, die regelmäßig im Center einkauft.

Geld für Hundekuchen haben, gar eine eigene Wohnung – das war für L. bis vor kurzem noch unvorstellbar, denn er hatte einen Absturz auf Raten erlitten. In Heimen und bei einer Pflegefamilie aufgewachsen, arbeitete er seit seinem 17. Lebensjahr im  Schaustellergewerbe – ein Knochenjob. Aber immerhin, er kam deutschlandweit herum, war bis 1998 oft auf dem Hamburger Dom tätig.

Nach einer ersten Obdachlosigkeit schuftete er ab 2001 als Möbelpacker: „Alles war okay.“ Doch 2013 brach seine beschauliche Welt zusammen: „Ich konnte aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten“, erzählt L.. Die Folgen: Arbeit weg, Geld weg, Freundin weg. „Ich machte den Vogel Strauß, steckte den Kopf in den Sand und landete bald auf der Straße.“

Kurz darauf der nächste Schicksalsschlag: Er musste wegen einer kaputten Hüfte unters Messer. Bei der OP wurden Nerven durchtrennt. „Was sollte ich machen? Ich hatte ja den Wisch unterschrieben, in dem stand, dass vier Prozent der Operationen schief gehen.“

Seitdem ist L. ist auf eine Krücke angewiesen. Es folgten Monate des Couchhoppings bei Bekannten und die erneute Obdachlosigkeit, die 2015 endete, als er in ein Wohnheim der Heilsarmee einziehen konnte. Er wurde wieder Hinz&Kunzt-Verkäufer, weil er merkte, dass es mit ihm abwärts gehen würde: „Ich traf auf alte Bekannte von der Straße, morgens gab’s eine Dose Bier zum Frühstück.“

L. hat es geschafft, aus dem Teufelskreis auszubrechen. Im Frühjahr 2017 bekam er von einer Sozialarbeiterin den Tipp, dass in Wilstorf bei einem privaten Vermieter eine Wohnung im Erdgeschoss frei geworden sei.

Für den Mann, der aufgrund seiner Behinderung Mühe hat, Treppen zu steigen, ein Glückstreffer! Dort lebt er nun auf 50 Quadratmetern mit seiner sechs Monate alten Katze Abby, die er Abigal ruft, „wenn sie Unsinn macht“.

Soviel Glück wie Andreas L. hat nicht jeder Wohnungslose. Bis zum 31. März stellt Hamburg für obdachlose Frauen und Männer 804 zusätzliche Schlafplätze in Gemeinschaftsunterkünften zur Verfügung – um Schicksale wie das von Joanna zu verhindern.

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