Gute Laune in der "Muggelbude": Bis Sonntag, 30. Dezember, hat der Weihnachtsmarkt auf dem Fanny-Mendelsohn-Platz geöffnet

Die Elbe Kolumne von Von Oliver Kroll. Drei Mal hat er in den vergangenen Wochen auf dem Weihnachtsmarkt Glühwein getrunken und Schmalzgebäck genascht. Dabei nach suchenden Blicken Ausschau gehalten. Die Hoffnung, dass im Rahmen eines vorweih-nachtlichen Abends eine weibliche Hand den üppig verteilten Puderzucker vom Ano-rak klopft, so Interesse signalisierend, hat er schon vor Jahren aufgegeben.

Das Haar ist grau, die Zunge schwer, die beruflichen Erfolge sind übersichtlich. Und doch bleibt der ewige Wunsch, einer Frau näherzukommen. Dieser Wunsch wird durch die Tatsache verstärkt, dass bei seiner Heimkehr alles dunkel sein wird. Niemand wartet auf ihn. Die Bettdecke ist kalt.

Die Menschen stehen dicht gedrängt, Glühwein und Feuerzangenbowle lösen die Zunge.
Im besten Fall, so hofft der Mann am Glühweinbecher, nicht nur sie. Denn die Motivation, einen Weihnachtsmarkt aufzusuchen, ist geschlechterübergreifend ähnlich.

Tut sich noch was im Internet? Wohl nicht

Hier die angeschickerte Truppe von jungen PR-Frauen. Dort ein Paar aus der Provinz. Andere sind aus ferner gelegenen Stadtteilen angereist. Allen gleich ist der unbedingte Wille zum Vergnügen. Sei es für zwei Stunden, einen Abend oder mehr.

Oder für eine dauerhafte Liebe. Wie bei unserem Weihnachtsmarktgast, wie er vermutlich an diesem Abend zuhauf unterwegs ist. Denn soviel steht fest: Wer zwei Tage vor Heiligabend allein nach Hause geht, wird auch über die Festtage allein bleiben.
Höchstunwahrscheinlich, dass sich im Internet noch etwas tut. Tolle Fotos und verheißungsvolle Texte flimmern regelmäßig über seinen Bildschirm. „Spüren Sie den süßen Duft der Liebe“, fordert ein Anbieter. „Dates und Liebe: Finden Sie Ihr Zaubergirl.“

Sinnend blickt sich der Weihnachtsmarkgast um. Nach „Zaubergirl“ sieht nun wirklich keine der Damen aus. Dickes Winterzeug verhüllt mehr als es ahnen lässt. Die Jacken kommen von der Stange, die Schuhe verströmen weder Charme noch Grazie. Schnell blickt der nach menschlicher Wärme Suchende an sich selbst herunter. Das sich ihm bietende Bild erinnert ebenso wenig an George Clooney in Armani wie die umliegende Verpflegungslage an das nahegelegene Sternelokal.

Was soll das überhaupt sein, ein „Zaubergirl“? Ein Mädchen das zaubert? Ihn zum James Dean der neuen Zeit macht? Mehr Rätsel als klare Worte.

Überhaupt vergiftet der häufige Blick auf Bildschirme den Sinn für die Realität. Immer neue Foren bieten ihre Dienste an. Die zugehörigen Fotos sind manchmal überirdisch schön, manchmal von obszöner bis pornografischer Natur.

Schlage die Trommel und fürchte Dich nicht. Und küsse die
Marketenderin. Das ist die
ganze Wissenschaft. Das ist der
Bücher tiefster Sinn

Heinrich Heine

Schnell noch einen Punsch, bevor ihn Gedanken allzu trübsinnig überschwemmen. Es ist nicht das erste Weihnachtsfest, das er allein verbringen wird. Hat die Frau am Nebentisch nicht gerade mit ihrer Freundin getuschelt, nachdem sie einen schnellen Blick zu ihm gewagt hat. Oder war sein Freund gemeint?

Zeit für einen ermutigenden Satz. „Schlage die Trommel und fürchte Dich nicht. Und küsse die Marketenderin. Das ist die ganze Wissenschaft. Das ist der Bücher tiefster Sinn.“ Das empfahl einst Heinrich Heine in einem Gedicht.

Und daran will sich auch unser Weihnachtsmarktgast halten. So kehrt er zurück in die Realität und schließt sich dem Wunsch seines Kumpans an. „Einen trinken wir noch, dann ziehen wir weiter.“

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