Wir sind alle schon hier – Boxer und Pädagogen, Clubbetreiber und Geschäftsführer, Industrielle, Designer und Metallbauer": Auszug aus dem kürzlich veröffentlichten "Kanalmanifest" der Zinnwerk-Aktiven. Foto: Archiv / Paul Spengemann

Der Startschuss ist gefallen: Ab sofort sucht die Hamburg Kreativ Gesellschaft offiziell nach neuen Ideen und Vorschlägen für die künftige Nutzung der Zinnwerke am Veringkanal. Auf der Webseite des städtischen Unternehmens können Anwohner, Kulturschaffende und anderweitig Interessierte ihren Beitrag zum „Ideenfindungsprozess“ hochladen. Das Verfahren soll im nächsten Frühjahr abgeschlossen sein. Zusätzlich sind Workshops im Bürgerhaus geplant. Die Termine dazu lassen sich ebenfalls auf der Webseite erfahren.
Angestoßen hatte das Projekt die Bezirksversammlung, die im vergangenen Sommer 60.000 Euro zu diesem Zweck bereitstellte. Das rund 11.000 Quadratmeter große Grundstück, auf dem seit mehreren Jahren viele kleine Firmen und kreative Köpfe zuhause sind, kann bislang nur teilweise genutzt werden. Insbesondere die beiden ehemaligen Elektrolysehallen sind sanierungsbedürftig und verfügen über keinerlei Brandschutz. Nach mehreren Anläufen für eine provisorische Reparatur soll jetzt ein langfristiges Konzept her.
„Eine dauerhafte Zukunft für den Veringhof scheint erstmals möglich“, sagt Egbert Rühl, Geschäftsführer der Hamburg Kreativ Gesellschaft. Dafür brauche es das beste Konzept. „Dieses Konzept kann nur aus der Zusammenarbeit vieler entstehen, weil es die Zustimmung vieler benötigt. Auf diese Zusammenarbeit sind wir gespannt.“

 

Eine dauerhafte Zukunft für den Veringhof scheint erstmals möglich
Egbert Rühl,
Kreativ Gesellschaft

Im Vorfeld war es zu Unstimmigkeiten gekommen – weil die „Zinnwerker“ befürchteten, auf lange Sicht hin ausgebootet zu werden. Ursache war die offizielle Ausschreibung der Kreativ Gesellschaft, in der die jetzigen Mieter kaum erwähnt werden. Außerdem wurde statt des Namens „Zinnwerke“ lediglich die Adresse Veringhof 7 genannt. Nach der Bestandsgarantie durch Klaus Lübke (SPD, siehe nebenstehende Berichte) können die Zinnwerker erstmals wieder aufatmen.

 

„Wir sind die Experten“

Zinnwerk-Aktive freuen sich über Unterstützung – Gespräch mit Kerstin Schaefer

„Schön, dass SPD und die Grünen uns ihre Unterstützung zugesagt haben. Wir sind sehr froh, weil wir nun das Gefühl haben, auf Dauer bleiben zu dürfen“, sagt Kerstin Schaefer, promovierte Kulturanthropologin und Mitgesellschafterin der Firma Hirn und Wanst. Nun gehe es darum, ein zukunftsweisendes und wirtschaftlich tragfähiges Konzept für die Zinnwerke zu entwickeln.
Die „Zinnwerker“ würden ihr Gebäude gerne eigenverantwortlich betreiben, zum Beispiel als Stiftung oder Genossenschaft. „Schließlich soll es für die Stadt kein Zuschussgeschäft werden“, sagt Schaefer. Welche Art der Neugründung es werden wird – das gelte es jetzt zu erarbeiten.
Hätten die Zinnwerke-Nutzer tatsächlich über kurz oder lang ihre angestammten Räume verlassen müssen, wäre dies ein herber Verlust gewesen. Nicht nur, was die „kreative Keimzelle“ am Veringkanal angeht. „Es hängen ganz einfach viel Arbeitsplätze dran“, sagt Schaefer. 88 Mieter gibt es derzeit – nicht eingerechnet die Mitarbeiter, die, wie zum Beispiel die „Fahrradgarderobe“, an unterschiedlichen Standorten tätig sind.
In dem 625 Quadratmeter großen Anbau der Zinnwerke tummeln sich Dutzende kleiner Firmen, etwa für Filmproduktion, für 3D- und für Kommunikationsdesign. Kerstin Schaefer selbst betreibt unter anderem die Kaffeeklappe in der Fährstraße und die Mensa der Hochschule für bildende Künste (HfbK).
„Wir sind die Experten für die Zinnwerke – bessere als uns findet man nicht“, sagt sie. „Deshalb ist eine Entwicklung ohne uns für mich undenkbar.“
Was auf der Agenda der Hamburg Kreativ Gesellschaft bislang überhaupt nicht auftaucht, ist das Thema „Kulturkanal“. Schon der frühere Bezirksamtsleiter Andy Grote hatte die Idee eines Kanalufers mit Kino, Theater und Künstlerateliers vehement unterstützt – allerdings blieb es von offizieller Seite her bisher bei Absichtsbekundungen. „Wenn man sich schon um die Zinnwerke kümmert, sollte man eigentlich jetzt schon das große Ganze im Auge behalten“, findet Schaefer.

 

SPD: Bekenntnis zu den Zinnwerken

„Es wäre völlig widersinnig, Kreativität neu erfinden zu wollen – und die Kreativen vor Ort wegzuschicken.“ Klaus Lübke, Kultursprecher der SPD Mitte, wendet sich mit Nachdruck gegen den Vorwurf, die „Zinnwerker“ könnten auf lange Sicht hin aus ihrem Zuhause verdrängt werden. Innerhalb der SPD – und auch innerhalb der Bezirksversammlung (BV) – gebe es ein klares Bekenntnis für die Aktiven vom Veringhof. „Wir sind die Guten, wir wollen niemandem etwas wegnehmen“, stellt Lübke klar. Es sei nun allerdings wichtig, dass alle gemeinsam anpackten. „Wir sind auf die Zinnwerker zugegangen – jetzt muss die andere Seite auch mitziehen.“
Nach Abschluss des „Ideen-Findungsprozesses“ der Hamburg Kreativ Gesellschaft soll – voraussichtlich im März – in der BV ein Finanzierungsantrag an die Bürgerschaft verabschiedet werden. Laut Medienberichten kostet die Sanierung der beiden Hallen mindestens 800.000 Euro. Die Fronten seien geklärt. „Was wir jetzt brauchen, ist Geld“, sagt Lübke.

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