Will auf neues Terrain vorpreschen: Marie-Alice Schultz. Foto: pr
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Susann Witt-Stahl, St. Pauli

Die junge Künstlerin ist immer auf der Suche nach neuen Ausdrucksformen. Der etwas rätselhaft anmutende Titel der Ende April erschienenen ersten Ausgabe der von ihr mitgegründeten Literaturzeitschrift Tau „Akute Langwaffen“ ist programmatisch zu verstehen: „Es geht darum, auf unbekanntes Gelände vorzupreschen“, erklärt Marie-Alice Schultz.

Die vierköpfige Redaktion, der sie angehört, will der „Enge im Literaturbetrieb“ entgegenwirken und Experimente zulassen, „selbst wenn sie für Verwirrung sorgen“ − für Schultz eher ein guter Grund als ein Hindernis, Texte abzudrucken. Marktwirtschaftliche Kriterien sollen vernachlässigt werden. „Es gibt schließlich auch einen Bildungsauftrag“, betont sie.

Autoren bekämen heute häufig zu hören, „dem Leser“ könne dieses und jenes nicht zugemutet werden, aber „den Leser“ gebe es so gar nicht, sondern sehr viele unterschiedliche Erwartungen an das geschriebene Wort und andere Künste. Daher enthält Tau eine Vielfalt von nicht nur Literatur-Genres: Neben Prosa-Texten, Lyrik, Theaterstücken auch Bildstrecken aus Fotografien oder Zeichnungen.

Der „Glas-Chrom-Ästhetik“ etwas entgegen setzen

Der Titel der zweiten Ausgabe von Tau „Wertekind“, die im November erschien, spielt auf die kaufmännische Tradition der Elbmetropole an: „Es muss immer etwas herausspringen“, bringt die 38-jährige Hamburgerin, die in der Mundsburg auf die Welt gekommen und aufgewachsen ist, ein zentrales Prinzip des Hanseatentums auf den Punkt.

Nach fünf Jahren Studium der Germanistik und Theaterwissenschaften in Berlin und der bildenden Kunst in Wien war Schultz 2011 zurück in ihre Heimatstadt gekehrt, wo sie heute wieder in ihrem Geburtshaus wohnt.
In der Architektur Hamburgs sei eine Neigung zur „Glas-Chrom-Ästhetik“ zu beobachten. Diese „Glätte“ zu konterkarieren und den öffentlichen Raum nicht allein den Städtebauern zu überlassen, stellt für Schultz eine besondere Herausforderung dar.

Mit künstlerischen Interventionen wie einem Geflecht aus Kabeln, das sie vor einiger Zeit auf einem Platz in St. Pauli ausgebreitet hat, will sie „Störungen erzeugen“. Kein Leichtes in einem „eingefahrenen System mit harten Strukturen“, musste Schultz erleben. Das gilt auch für eine Kunstförderungspolitik, die sich schwer tut mit neuen Ideen und nicht selten geprägt ist von knauseriger Pfeffersack-Mentalität – obwohl die Stadt alles andere als arm ist.

Kein Grund für Schultz, sich Konventionen zu beugen. Im kommenden Jahr begibt sie sich auf Expedition in „Mikadowälder“, so heißt ihr Romandebüt über einen Jungen, der Kisten zur Aufbewahrung von Luft zimmert, mit denen er die Wohnung zubaut, erläutert die Künstlerin − ein Sinnbild für das „Zuwuchern von Räumen“.

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