Fünf von 13 Ehrenamtlichen der Sülldorfer Tafel: (v.l.) Lothar Woisien, Magda Anselm, Friedhelm Freier, Heike Muldt und Ilona Bahlau. Foto: mg
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Interview Matthias Greulich. Viel wird über die drohende Altersarmut geredet, doch in den Elbvororten ist sie längst da. Die Lebensmittelausgabe im Op’n Hainholt 23 ist ein Ort, wo die sonst versteckte Not sichtbar wird. Einen Euro zahlen die Kunden, um sich am Freitag Brot, Gemüse oder Joghurt fürs Wochenende mitzunehmen. „Und es gibt auch noch ganz viele, die hier gar nicht herkommen, weil sie sich viel zu sehr schämen“, sagt Susanne Alms de Ocaña. Obwohl vom Gesetzgeber anders vorgesehen, schicken einige Jobcenter ganz rigoros Menschen, die beim Amt erstmals Leistungen beantragen oder Sanktionen bekommen, zu den Tafeln, sagt die Leiterin der Stadtteildiakonie Sülldorf-Iserbrook. Das Elbe Wochenblatt sprach mit Alms de Ocaña und den Ehrenamtlichen Magda Anselm, Ilona Bahlau und Heike Muldt.

Elbe Wochenblatt: Wie ist Ihr Eindruck, hat die Armut in Sülldorf-Iserbrook zugenommen?
Susanne Alms de Ocaña: Ich arbeite seit 17 Jahren in der Stadtteildiakonie. Die Zahl der Menschen, die hier vom Existenzminimum leben, ist stark gestiegen. Gerade hier in Iserbrook haben wir das Phänomen, dass die Altersarmut sehr zugenommen hat. Wir haben ganz viele alte Menschen, die – obwohl sie ihr Leben lang gearbeitet haben – Grundsicherung bekommen. Und das reicht einfach nicht zum Leben.

Wie macht sich das in der Lebensmittelausgabe bemerkbar?
Ilona Bahlau: Es kommen mehr Menschen. Wir haben zum Motto, dass wir niemanden ablehnen. Aber es gibt eine Lebensangst bei langjährigen Kunden: Komme ich noch zu meinem Recht, zu dem bisschen, was ich ergattern kann. Wir sagen, dass wir das im Blick haben. Und das tun wir auch. Aber sie sehen, dass immer mehr Kunden kommen. Und die kommen auch manchmal woanders her. Das ist das Dilemma. Der Staat lässt uns komplett mit allem allein. Es wäre die Aufgabe des Staates dafür zu sorgen, dass die Menschen genug zu essen haben. Das Phänomen der Armut, das jetzt deutlich wird – das müssen wir alles auffangen.
Heike Muldt: Trotzdem muss ich sagen: Die Leute draußen sind sehr nett.
Bahlau: Aber die machen sich auch einen Kopf. Sie wollen auch nicht irgendwo beiseite geschoben werden. Sie stehen an für wenig, für manchmal mindere Ware.

Wieviele Menschen kommen freitags hierher?
Alms de Ocaña: Es sind ungefähr 80 Haushalte. Um einen Berechtigungsschein zu bekommen, muss man zu mir kommen. Am meisten Wert lege ich darauf, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Um ihnen aufzuzeigen, dass es eine Beratung gibt. auch in Rentenfragen, Fragen von Reha-Anträgen und nach dem Sozialgesetzbuch, Problemen mit Krankenkassen, Schulden, Nicht-Versichert-Sein. Das ganze Spektrum. Ich habe insgesamt 180 Berechtigungsscheine ausgegeben.


Eine ältere Dame, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, beschwerte sich bei uns, dass auch Flüchtlinge Berechtigungscheine bekommen.

Bahlau: Mir fällt dafür kein anderes Wort ein: Futterneid gibt es. Ich stehe jetzt auch draußen und gucke, dass alles reicht. Obwohl ich weiß, wieviele Lebensmittel drinnen sind und dass es reicht. Aber es ist in einem Menschen drin. Die Not mit jungen Familien, ausländischen Familien, teilen wir uns. Weil für alle gemeinsam die Not da ist. Bei Deutschen, wie auch bei Flüchtlingen.

Wieviel Zeit opfert jeder Ehrenamtliche?
Bahlau: 16 Stunden in der Woche. 52 Wochen im Jahr – außer Karfreitag – stehen wir für die Kunden zur Verfügung. Wir haben nie etwas ausfallen lassen. Wir wohnen auch alle um die Ecke.
Magda Anselm: Wir arbeiten alle Hand in Hand. Das ist schön.
Alms de Ocaña: Insgesamt ist es ein Team von 13 Menschen. Es ist ein Team, das gut zusammenhält und sehr gut arbeitet. Ohne sie würde es gar nicht gehen. Meine Erfahrung ist, dass jeder Mensch das große Bedürfnis hat zu arbeiten, etwas zu tun und mit anderen in Kontakt zu sein. Genau darüber funktioniert hier die Arbeit.

Ist die Essenausgabe auch ein Treffpunkt?
Bahlau: Wir haben Personal, das den Kaffeeausschank betreut. Ist gemütlich. Es gibt Leute, die sind hier schon zehn Jahre miteinander. Die sitzen hier locker zwei Stunden und schnacken. Das muss schon sein.
Alms de Ocaña: Die Lebensmittelausgabe ist eine Sache. Dass es gut ist, noch was extra zu haben. Um auch mal ein bisschen zur Seite legen zu können. Um einfach mal teilnehmen zu können an anderen Dingen. Im besten Fall funktioniert es ja. Dass ein bisschen Geld übrig bleibt, um sich mal eine Fahrkarte zu kaufen und in die Stadt zu fahren. Oder sich überhaupt eine Sozialkarte zu leisten. Die meisten leisten sich diese Sozialkarte gar nicht, weil sie auch über 40 Euro kostet. Teilhabe kostet richtig viel Geld. Und Sülldorf-Iserbrook ist ganz schön abgeschnitten. Für viele hier ist dies der einzige Ort, wo sie ganz sicher Menschen treffen. Weshalb sollen wir Menschen ausschließen, genau diese Begegnung zu haben?

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