och stehen die Süßwaren verschämt in den Regalen. Bald werden sie aggressiver angeboten. foto: kroll

Von Oliver Kroll. Die Laubbläser sind im Dauereinsatz. Der Übergangsmantel, in einigen Quartieren gibt es ihn noch, muss gelüftet werden. Schals und Handschuhe müssen aus ihrem Sommerquartier heraus. Sandalen bitte ganz nach hinten, Stiefel nach vorn.
Freunde treffen, flirten und sich auf freie Tage freuen

Die Helgolandfähre „Halunder Jet“ hat in diesen Tagen für dieses Jahr zum letzten Mal die Leinen losgeworfen, um Deutschlands einzige Hochseeinsel anzulaufen. Die ersten Spekulatius stehen in den Läden. Erst verschämt, dann immer aggressiver drängen Kekse und Schokolade in den Mittelpunkt des Geschehens entsprechender Geschäfte. An dieser Stelle soll nicht in das immer gleiche Horn gestoßen werden, dass die Läden so
früh zum Weihnachtsgeschäft rüsten. Wohl den Menschen, die keine anderen Probleme haben.

Fest steht: Es lässt sich nicht länger verdrängen. Nur noch wenige Wochen und die Weihnachtsmärkte bieten mal mehr, mal weniger schmackhafte Glühweine an. Egal, spätestens nach dem dritten Becher sind die Geschmacksnerven so betäubt, dass auch die letzte Plörre herrlich schmeckt.

Freunde treffen, ein klein wenig flirten und auf die freien Tage freuen sind angesagt, wenn die ersten Bemerkungen über Qualität und Preise der flüssigen Stimmungsaufheller verklungen sind.

Erfreulich, dass in einigen Cafés und Restaurants die Tische so eng beieinander stehen, dass der Gast zwangsläufig Zeuge der Gespräche wird. Da ist dann von Reiseplänen, und Pflichtbesuchen zu hören. „Wir fliegen in diesem Jahr nur kurz nach London“, so eine mehrfache Mutter in einem Straßencafé, das selbst noch im November Sonnenplätze bietet. Dass sonst fernere Ziele angestrebt werden, steht im Raum, muss aber nicht weiter erwähnt werden.

Die freie Zeit, das nötige Geld, die gesunden Knochen, die Freunde, der sichere Job, die einigermaßen glückliche Liebe – all das ist längst nicht selbstverständlich. Wer sich also über solche Lappalien wie Spekulatius in den Geschäften erregt, hat vergessen, worauf es im Leben wirklich ankommt. Klar, den Kleinen wird die Vorfreude genommen, wenn im Spätsommer bereits die ersten Adventskalender angeboten werden. Denn wer kann schon die Spannung über so einen langen Zeitraum aufrecht erhalten? Die Kritiker sollten sich erinnern, in welchem Gesellschaftssystem sie leben. Und überwiegend gut leben. Es bleibt ein schöner Traum, ohne Geld auszukommen, sorgenfrei in den Tag hineinzuleben, den Ruf des Weckers zu ignorieren und keinen Chef zu kennen. Wer so lebt, kann es nur, weil andere pünktlich am Schreibtisch sitzen

Dabei ist es ein Privileg junger Menschen, von einer besseren Welt zu träumen. Ein Blick ins Geschichtsbuch belehrt aber eines besseren.

Alle Versuche, den Menschen zu ändern, oder gar zu bessern, scheiterten bisher grandios. Ein zweiter Blick in die Historie, besonders der Deutschen, zeigt, dass es den allermeisten Menschen noch nie so gut ging wie heute.

Gelobt sei also, wer keine Kritik, als zu früh feilgebotene Spekulatius in den Geschäften, äußert.

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