Kino-Enthusiast: Abaton-Gründer Werner Grassmann. Foto: stahlpress
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Folke Havekost, Grindel
Als das Filmfest Hamburg vorbei war hatte Werner Grassmann kaum einen Film in seinem eigenen Kino gesehen. „Zum Filmfest gehe ich, um die Leute zu sehen, nicht die Filme“, erklärt der 93-Jährige, der 1970 eine alte Garage im Hamburger Grindelviertel in das Abaton-Kino verwandelte. 48 Jahre Programmkino, in denen unzählige Bekanntschaften entstanden sind, die er als Conferencier pflegt. „Kino ist ein Ort des Gesprächs, ein Ort für Diskussionen“, sagt Grassmann, dem weder vor Multiplexen noch vor Netflix bange ist: „Dieses Persönliche können große Anbieter gar nicht leisten.“

„Filme für die Masse haben mich meistens gelangweilt“, schildert Grassmann sein Credo, dem er schon 1953 im klitzekleinen Kunstkino „Studio 1“ nachging, das nach drei Jahren wegen behördlicher Auflagen schließen musste. Fortan drehte und produzierte er fürs junge Fernsehen und führte die Geschäfte der experimentellen Hamburger Filmkooperative. „Kinobesitzer bin ich eher aus Not als aus Leidenschaft geworden“, erinnert er sich mit einem Schmunzeln. „Keiner wollte unsere Filme zeigen. Aus heutiger Sicht kann ich das verstehen, aber damals haben wir gesagt: Also, gründen wir selber eins!“

Wenn der Projektor streikte, erzählte er dem harrenden Publikum den Film auch schon einmal selbst nach. In den ersten Jahren hangelte das Abaton „direkt am Abgrund entlang“, schildert Grassmann. Erst der Junge deutsche Film um Rainer Fassbinder und Werner Herzog sowie der Überraschungserfolg des schwarzhumorigen US-Kultfilms „Harold and Maude“ brachten das Projekt des einstigen Seekadetten in sicheres Fahrwasser.
Längst ist das Abaton zum führenden Programmkino der Hansestadt aufgestiegen, was der Gründer mit selbstbewusster Ironie kommentiert: „Als Kinobesitzer kriegen Sie sofort auf den Deckel, wenn Sie etwas falsch machen. Deshalb machen sie soviel richtig.

Auch im hohen Alter hat der Cineast – Lieblingsfilme: Lubitschs „Sein oder Nichtsein“, Chaplins „The Kid“, aber auch Fatih Akins „Soul Kitchen“ – immer noch viel zu sagen. Das eigene Haus hat er auch gerade neu aufgestellt. 2019 treten seine Söhne Felix und Philip die Nachfolge des langjährigen Abaton-Programmchefs Matthias Elwardt an.

Als Produzent gewann Grassmann 1993 den Bundesfilmpreis für Zoltan Spirandellis Porno-Persiflage „Wie Erwin Struntz den Sexfilm drehte“. Welchen Film würde der Grandseigneur heute produzieren wollen? „Es wäre einer, der sich kritisch mit den Zeitumständen befasst. Vielleicht darüber, dass es zwar wunderbar ist, Radwege zu bauen, aber die Kitas kein Geld haben, um den Kindern ein Frühstück zu bezahlen.“

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