Dem Harburger Fußballverein Dersimspor droht das Aus. Der Club hat keinen Vorstand, keinen Platz für Training und Spiele; die Jugendmannschaften werden aus dem Spielbetrieb gestrichen. Nur die Liga-Mannschaft kann bis zur Winterpause durchhalten. Am 10. November soll auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung ein Vorstand gewählt werden. Dessen wichtigste Aufgabe wird es sein, eine neue Heimspielstätte für Dersimspor zu finden.
Wie konnte es soweit kommen? Dersimspor hat seit Jahren den Sportplatz an der Baererstraße genutzt. Rechte und Pflichten wurden in Überlassungs- und Nutzungsverträgen zwischen Verein und Bezirksamt Harburg geregelt.
Das Bezirkamt wirft Dersimspor vor, gegen diesen Vertrag mehrfach verstoßen zu haben. So hat der Verein ohne Genehmigung einen Imbisswagen auf dem Sportplatz betrieben, dafür Fahrradständer abgebaut, einen Raum der benachbarten Sporthalle als Lager für den Imbisswagen genutzt. Dersimspor berief sich vergeblich auf eine mündliche Absprache mit dem inzwischen verstorbenen Platzwart.

Die Jugendteams tun mir besonders leid, weil sie ausschließlich Opfer sind und nichts zur aktuellen Situation beigetragen haben
Samir Balouch,
kommissarischer Vorstand Dersimspor

Weitere Verstöße: Verbotenes Rauchen am Kunstrasenplatz, Schießen mit einer Gaspistole während der Trainingszeiten, verbale Entgleisungen gegenüber einer Bezirksamtsmitarbeiterin („Nazi-Schlampe“).
Auf ein Gesprächsangebot des Bezirks im Februar 2018 reagierte der Verein nicht. Ein
Gespräch am 28. März blieb ohne Ergebnis. Am 17. Juli gab es auf Bitten des Sportvereins einen gemeinsamen Termin mit Vertretern des Bezirksamtes, des Landessportamtes, des Hamburger Fußballbundes, des Hamburger Sportbundes sowie Vertretern von Dersimspor. „Aufgrund der Vielzahl der Verstöße war das Bezirksamt nicht bereit, von seiner Entscheidung abzuweichen“, teilte Bettina Zech mit. „Der Bezirk geht nicht davon aus, dass sich Dersimspor in Zukunft vertragsgemäß verhalten wird.“ Der Bezirk kündigte den Nutzungsvertrag zum 31. August 2018. Dersimspors Klage gegen diese Kündigung vor dem Verwaltungsgericht blieb ohne Erfolg.
Auf Druck der Mitglieder trat der komplette Dersimspor-Vorstand am 16. Oktober zurück. Benjamin Thiel und Samir Balouch übernahmen kommissarisch. „Um zu retten, was zu retten ist“, so Balouch.
Wie geht’s jetzt weiter? In der Winterpause soll ein neugewählter Vorstand eine neue Spielstätte finden. Möglichst in Harburg, zur Not aber auch in Seevetal. Bei Dersimspor wird auf Gesprächsbereitschaft der Harburger Verwaltung gehofft. Vergeblich, der Bezirk hält an seinem Beschluss fest.
Können die Jugendmannschaften weitermachen? „Leider wird es uns nicht gelingen, für die Jugendteams Ausweichplätze zu organisieren. So werden diese nach dreimaligem Nichtantritt vom HFV ausgeschlossen“, sagt Samir Balouch. „Die fünf Jugendteams tun mir besonders leid, weil sie ausschließlich Opfer sind und nichts zur aktuellen Situation beigetragen haben. Einige Spieler haben sich bereits vom Spielbetrieb abgemeldet, einige gehen zu anderen Vereinen, vielleicht auch als geschlossenes Team. Näheres wollen die
Jugendtrainer mit den Eltern besprechen.“

Wo kann Dersimspor
künftig spielen?

Da Dersimspor (vorerst?) keine städtischen Fußballplätze im Bezirk nutzen darf, muss der Verein eine nicht-städtische Spielstätte finden. In Harburg verfügen drei Vereine über eigene Fußballplätze: der HSC, der HTB und Viktoria Harburg. Das Wochenblatt hat bei den Vereinen nachgefragt.

Das sagte HTB-Geschäftsführer Torsten Schlage: „Für unsere 30 Fußball- und 3 Footballmannschaften sind die im Sportpark Jahnhöhe bestehenden Kapazitäten bereits seit Jahren nicht mehr ausreichend, weswegen der Verein selbst auf die Nutzung bezirklicher Sportstätten und die Anmietung vereinsfremder Sportstätten angewiesen ist.
Und selbst damit gibt es im Trainingsbetrieb kurzfristig Phasen, in denen vier Mannschaften gleichzeitig ein und denselben Platz nutzen. Wir können froh sein, dass unsere Mitglieder diese Einschränkungen mit Langmut und Kompromissbereitschaft mitzutragen bereit sind.
Aus den oben aufgeführten Punkten können wir leider nicht helfen.“
Für den HSC antwortete Erhard Erichsen: Der HSC kann Dersimspor keine Nutzungszeiten auf dem Sportplatz Rabenstein einräumen, da der
Rabenstein als Rasenfläche in Eigenregie keine weiteren Mannschaften aufnehmen kann. Wir werden auch keine Verhandlungen mit Dersimspor führen.

Für Viktoria Harburg sprach Vereinschef Michael Krivohlavek: „Wir helfen Dersimspor gern. Wenn unser Platz frei ist, haben wir keine Probleme damit, ihn zur Verfügung zu stellen. Aber Viktoria Harburg ist nicht die dauerhafte Perspektive von Dersimspor.“
Eine Übergangsmöglichkeit wäre die Nutzung des ehemaligen Rot-Gelb Sportplatzes am Lichtenauer Weg. Das Gelände gehört einem privaten Investor, der dort Wohnungsbau, Kita und Einzelhandel vorsieht. Ein entsprechendes Wettbewerbsverfahren ist gerade erst angelaufen. Momentan wird der Platz am Lichtenauer Weg von
Dynamo Heimfeld und Zonguldakspor für Trainigs- und Spielbetrieb genutzt.

 

„Wenn es Bedarf gibt, helfen wir gerne“

Interview mit Carsten Byernetzki, dem Sprecher
des Hamburger Fußballverbands

Wie konnte die Situation zwischen Dersimspor und der Harburger Verwaltung so eskalieren? Hätte der Hamburger Fußball-Verband (HFV) helfen können? Benötigen Vereine, in denen überwiegend Mitglieder mit ausländischen Wurzeln aktiv sind, eine besondere Unterstützung? Die Vorsitzende der HFV-Kommission für gesellschaftliche und soziale Verantwortung, Claudia Wagner-Nieberding, wollte sich nicht äußern. Dafür aber HFV-Sprecher Carsten Byernetzki.

Was hat der HFV im Vorfeld getan, um diesen Konflikt zu beenden? Es gab mehrere Gespräche sowohl mit dem Verein als auch mit dem Bezirksamt.

Was hätte der HFV machen können oder sollen? Es ist eine Angelegenheit zwischen Dersimspor und dem Bezirksamt Harburg.

Benötigt ein Verein, bei dem viele Mitglieder ausländische Wurzeln haben, besondere Hilfestellung im Umgang mit Verwaltungen/Behörden? Wenn es Bedarf gibt, helfen wir allen Vereinen des HFV gerne.

Wer kann oder sollte diese Hilfestellung geben? Die zuständigen Mitarbeiter auf der HFV-Geschäftsstelle und alle ehrenamtlichen Gremien des HFV sind dafür erste Ansprechpartner und jederzeit nach Möglichkeit behilflich.

Konkret zum Fall Dersimspor: Sehen Sie eine Chance, die Beteiligten noch einmal an einen Tisch zu bringen, um dem Verein eine Zukunft in Harburg zu ermöglichen? Oder ist das gar nicht Aufgabe des HFV? Der Hamburger Fußball-Verband wird sich Gesprächswünschen nicht verschließen.

Wird der HFV den Verein Dersimspor im Falle einer erforderlichen Suche nach einer neuen Spielstätte unterstützen? Das können wir gar nicht. Wir haben keine Handhabe über die Vergabe von Sportstätten. Es ist die Aufgabe eines jeden Vereins, sich in Hamburg über die Bezirksämter die Spielmöglichkeit auf einem staatlichen Platz zu sichern.
Darüber wird ein Vertrag zwischen Verein und Bezirksamt geschlossen. Die Vereine teilen dann dem HFV ihre jeweilige Spielstätte mit. Anders läuft das nur bei vereinseigenen Sportanlagen.

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