Erst 2017 wurde dieses Foto der „Polenaktion“ in Rendsburg erstmals veröffentlicht. Es gibt kaum Bilder von der Ausweisung aus dem Herbst 1938. Auf dieser Aufnahme ist zu sehen, dass die Bevölkerung in Rendsburg zuschaute. Foto: Sammlung Uwe Jäckel.

M. Greulich, Altona
Am Sonntag, 28. Oktober, ist es genau 80 Jahre her, dass in der sogenannten „Polenaktion“ mehrere hundert jüdische Frauen, Männer und Kinder mit polnischer Staatsangehörigkeit aus Hamburg nach Polen ausgewiesen wurden. Bei der Gedenkfeier am Gedenkstein am Paul-Nevermann-Platz wird um 15 Uhr unter anderem die Autorin Peggy Parnass sprechen. Ihr Vater Pudl Parnass gehörte zu den 1938 Ausgewiesenen; er wurde wie ihre Mutter im Vernichtungslager Treblinka von den Nazis ermordet. Ein Interview mit der Historikerin Kristina Vagt, die seit zwei Jahren im Auftrag des Kirchenkreises Hamburg West/Südholstein über die „Polenaktion“ in Hamburg recherchiert.

Frau Vagt, was ist am 28. Oktober 1938 in Altona passiert?
Kristina Vagt: Bei der reichsweiten „Polenaktion“ wurden etwa 17.000 Jüdinnen und Juden mit polnischer Staatsbürgerschaft ohne vorherige Ankündigung verhaftet und aus Deutschland ausgewiesen. In Hamburg betraf dies bis zu 1.000 Männer, Frauen und Kinder. Sie wurden morgens durch die Fremdenpolizei festgenommen, tagsüber an Sammelorten festgehalten und abends vom Bahnhof Altona per Zug an die deutsch-polnische Grenze gebracht.

Von dort wurden sie ins Niemandsland getrieben und kamen schließlich in dem kleinen polnischen Grenzort Zbąszyń an, wo sie interniert wurden. Das NS-Regime wollte mit der Aktion dem Inkrafttreten eines polnischen Gesetzes zuvorkommen. Die polnische Regierung hatte mit dem Gesetz die Möglichkeit geschaffen, den Bürgern, die im Ausland lebten, die Staatsbürgerschaft zu entziehen.

Was haben die Nachbarn in Altona gesagt, als ihre Nachbarn aus ihren Wohnungen geholt wurden?

Viele werden die Verhaftungen aus den Wohnungen heraus mitbekommen haben. Leider weiß man aber wenig Konkretes über die Reaktionen der nichtjüdischen Nachbarn.

Der Antisemitismus war ja schon stark in der Gesellschaft verankert und die Situation für die jüdische Bevölkerung im Jahr 1938 verschärft. Trotzdem gab es aber auch einzelne Beispiele für Courage und Gutherzigkeit. So schickte die Harburgerin Frieda Cordes der befreundeten ausgewiesenen Familie Goldberg dringend benötigte Lebensmittel.

Wer waren die Ausgewiesenen, was ist aus ihnen geworden?
Die betroffenen Menschen lebten oft seit der Jahrhundertwende oder seit Beginn der 1920er -Jahre in Deutschland. Viele besaßen Geschäfte und lebten in soliden Verhältnissen. Gerade die hier geborenen Kinder hatten wenig Bezug zu Polen und wussten manchmal gar nicht, dass die Familie die polnische Staatsbürgerschaft besaß. In den Tagen nach der Ausweisung konnte ein Teil der Betroffenen ins polnische Landesinnere reisen, wo sie beispielsweise bei Verwandten unterkamen. Etwa 8.000 Menschen wurden aber in Zbąszyń interniert, bis das Lager im Sommer 1939 aufgelöst wurden.

Die Situation war beengt und improvisiert, auch wenn das Rote Kreuz und jüdische Hilfsorganisationen Unterstützung brachten. Viele versuchten, die Emigration ins Ausland zu organisieren. In der ersten Jahreshälfte 1939 war es möglich, eine kurze Rückkehr nach Deutschland zu beantragen, um persönliche Angelegenheiten zu regeln. Einige versuchten, in Hamburg ihren Besitz zu verkaufen und zu emigrieren. Aber viele mussten nach zwei Wochen zurückkehren. Für viele verliert sich die Spur. Es muss angenommen werden, dass sie in einem der Ghettos oder Konzentrationslager umkamen.

Warum ist die „Polenaktion“ einen Tag später in Rendsburg abgebrochen worden?
In Schleswig-Holstein fand die „Polenaktion“ erst am 29. Ok-tober 1938 statt. In Rendsburg wurden elf Personen vor aller Augen auf dem Altstädter Markt in den Bus gesetzt, der sie über Lübeck an die Grenze bringen sollte. Die deutsche Regierung brach die „Polenaktion“ aber am selben Tag ab, denn die polnische Regierung hatte angefangen, die sogenannten Volksdeutschen aus Polen nach Deutschland abzuschieben. Die Rendsburger kehrten in ihre Wohnungen zurück. Dr. Frauke Dettmer, die mit Uwe Jäckel über den Fotofund aus Rendsburg sprechen wird, hat ihren weiteren Schicksalsweg recherchiert. Einigen gelang zwar die Emigration nach Belgien, sie wurden aber später von dort deportiert und ermordet.

❱❱ Sonntag, 28. Oktober, um 15 Uhr am Gedenkstein am Paul-Nevermann-Platz hinter dem Altonaer Bahnhof. Ab 16 Uhr Vorträge im Altonaer Museum, Museumsstraße 23.

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