Von Folke Havekost.

Zum 1. Januar 2019 kauft Hamburg die Mehrheitsanteile von Vattenfall am Fernwärmenetz zurück. Für rund 950 Millionen Euro ist die Stadt damit alleinige Eigentümerin an den gut 830 Kilometern Rohren, die Fernwärme in die Hamburger Haushalte befördern. Hamburg verspricht sich vom Kauf auch einen forcierten Umstieg auf umweltfreundliche Energien.

Aber was ist Fernwärme eigentlich, und wer kann sie nutzen? In gewisser Weise stellt das Fernwärmesystem eine riesige Zentralheizung dar. Die Rohrleitungen transportieren Wasser, das vor allem in den Kraftwerken Wedel und Tiefstack erhitzt wird, in die Haushalte. Weil im Zuge der Kraft-Wärme-Kopplung gleichzeitig Strom und Wärme erzeugt wird, geht im Umlaufprozess weniger Energie verloren als bei anderen Techniken.
Fernwärme verfügt daher über einen sehr hohen Nutzungsgrad von rund 85 Prozent – zumindest in großen Städten wie Hamburg, in denen mit vergleichsweise wenig Rohrkilometern sehr viele Haushalte versorgt werden können. Je nach Heizbedarf kann die gelieferte Wärme über die Wassermenge und die sogenannte Vorlauftemperatur gesteuert werden.
2015 wurden 463.187 Wohneinheiten aus dem zentralen Fernwärmenetz mit 5000 Gigawattstunden Strom und 3761 Gigawattstunden Wärme versorgt. „Fernwärme ist vor allem in der inneren Stadt verfügbar, also im Bereich zwischen Steilshoop und der Hafencity sowie zwischen Altona und Horn“, erklärt Jan Dube von der Behörde für Umwelt und Energie.
Die zuständige Wärmegesellschaft VWH plane derzeit mit einem Wachstum von rund 7.000 Wohneinheiten pro Jahr. „Aktuell ist es das Ziel, die Fernwärme im Zuge des Entwicklungskonzepts ‚Stromaufwärts an Elbe und Bille’ auch verstärkt im Hamburger Osten anzubieten“, sagt Dube: „Infrastrukturentwicklungen für ganze Viertel und Stadtteile sind aber immer ein langfristiges Projekt.“
Wann im Hamburger Süden Haushalte an ein Fernwärme-Netz angebunden werden können, steht noch in den Sternen. Jan Dube: „Für den Ersatz des Kraftwerks in Wedel (geplant bis 2022/23, d.Red.) planen wir derzeit kohlefreie und klimafreundliche Erzeugungsanlagen südlich der Elbe. Perspektivisch ist damit auch eine Fernwärme-Anbindung von Haushalten beispielsweise in Harburg denkbar, derzeit aber nicht konkret in Planung.“
Aktuell gibt es in Harburg und Wilhelmsburg kleinere Heizkraftwerke wie Petershof (speist in das Wärmenetz Süd von Hansewerk Natur ein), Hanhoopsfeld (speist in das Wärmenetz von innogy SE ein) oder den Energiebunker Wilhelmsburg (Teil des Wärmenetzes von Hamburg Energie).

 

Lohnt sich das Ganze?

Während CDU und FDP den Kaufpreis als überhöht kritisierten und vor höheren Energiekosten für die Verbraucher warnten, bekräftigte der grüne Umweltsenator Jens Kerstan: „Das gesamte Geschäftsmodell ist so gerechnet, dass es zu keinen Preiserhöhungen für die Kunden kommt, die über Gas- oder Ölpreise hinausgehen.“
Effizient ist Fernwärme in Metropolen sicherlich. Wie umweltfreundlich die Energieversorgung ist, liegt aber in erster Linie daran, auf welche Weise die Wassermassen als Energieträger erhitzt werden.
In den Kraftwerken Wedel und Tiefstack wird derzeit noch Kohle verbrannt, dies soll sich bis 2025 unter anderem durch eine geplante Fernwärmeleitung unter der Elbe ändern, in die Industrieabwärme eingespeist werden könnte.
„Wir peilen an, das Kohlekraftwerk Wedel bis 2022/23 vom Netz zu nehmen und durch dezentrale und größtenteils erneuerbare Energiequellen zu ersetzen“, skizziert Umweltbehörden-Sprecher Dube: „2025 soll dann das Kraftwerk Tiefstack umgerüstet und ohne Kohle betrieben werden.“

1 KOMMENTAR

  1. Sehr geehrter Herr Havekost,
    so viel gibt es zu berichten und sie wählen die Überschrift: „Fernwärme: Erstmal nicht im Hamburger Süden. Anbindung von Haushalten im Hamburger Süden ist „perspektivisch denkbar“, aber nicht konkret in Planung.“ Im Artikel schreiben Sie dann, dass es in Harburg und Wilhelmsburg doch Fernwärme gibt. Und zwar die Netze der Hansewerk Natur (welche der zweitgrößte Fernwärmeanbieter in der Stadt ist), von innogy SE und von Hamburg Energie. Zu den Genannten gibt es noch weitere kleine Wärmenetze in Neugraben-Fischbek, welche im Rahmen der neuen Baugebiete entstanden sind.
    Die Fernwärme in Harburg und Wilhelmsburg wird stetig ausgebaut. So möchte Hamburg Energie einen Großteil der Insel mit Fernwärme aus Geothermie versorgen (GTW-Wilhelmsburg Projekt) und die Wärmenetze in den Neubaugebieten werden weiter wachsen. Das zu Thema „keine Fernwärme im Süden“.

    Fachliche Anmerkungen:
    Sie vermixen Kraft-Wärme-Kopplung („KWK“ die Produktion von Strom und Wärme gleichzeitig/gekoppelt) mit Fernwärme. Es gibt aktuell viele KWK-Anlagen im Netz (Wedel, Tiefstack und auch diverse BHKWs), manche der neu geplanten Anlagen als Ersatz Wedels werden jedoch als reine Wärmeproduzenten konzipiert (industrielle Abwärme, Wärmepumpe).
    Auch die Aussage „Fernwärme verfügt daher über einen sehr hohen Nutzungsgrad von rund 85 Prozent – zumindest in großen Städten wie Hamburg, in denen mit vergleichsweise wenig Rohrkilometern sehr viele Haushalte versorgt werden können“ ist ungenau. Ich kann nur vermuten, dass hier der Transportverlust der Fernwärme gemeint ist. Der liegt beim VWH Netz irgendwo zwischen 10-15%. Der Nutzungsgrad beschreibt das Verhältnis von nutzbarer Energie (Wärme, Strom) zur eingesetzten Energie (Brennstoff), und ja, dieser ist bei KWK-Anlagen besonders hoch.
    Zu guter Letzt:
    463.187 Wohneinheiten werden durch die VWH Fernwärme versorgt. VWH macht 80% der Fernwärme in Hamburg aus. Folglich werden knapp 580.000 Wohneinheiten in HH mit Fernwärme versorgt? Es gibt aber nur ca. 900.000 Wohnungen in Hamburg…hier kann was nicht stimmen. Hier wurde eine virtuelle durchschnittliche Hamburger Wohnung definiert, kann man machen, bringt aber nix außer Verwirrung. Die Fernwärme im Gewerbe und in der Industrie werden hier einfach mit einbezogen.
    Hier eine wesentlich bessere Info: lt. Zensus 2011 wurden in rd. 15% ALLER GEBÄUDE MIT WOHNRAUM! durch Fernwärme versorgt (https://www.statistik-nord.de/fileadmin/Dokumente/Tabellen%2C_Tabellenb%C3%A4nde%2C_Brosch%C3%BCren/Zensus2011/Hamburg_-_Voet2b/02_Hamburg_GWZ_03.pdf) . Bezogen auf (anwendungsbezogenen) Endenergieverbrauch für Heizung und Warmwasser in den Haushalten macht Fernwärme rd. 30% aus (Eigene Berechnungen aus Energiebilanz Hamburg).

    Mfg
    AW

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