Weniger Arbeit, mehr Zeit für einen Besuch beim Polo an der Jenischstraße: Die Realität der Arbeitswelt sieht anders aus. foto: kroll

Oliver Kroll, Hamburg West
Ein Blick über den Rand des eigenen Büros ist oft hilfreich.
So wie das Lesen überregionaler Presse. So gab der Anthropologe und Systemkritiker David Graeber der „Süddeutschen Zeitung“ kürzlich ein Interview. Danach arbeiten Menschen nur wegen seltsamer Moralvorstellungen Acht-Stunden-Tage – 15 Stunden pro Woche würden reichen, sagt Graeber. Weiter spricht er in dem Interview von „Bullshit-Jobs“.

Überflüssige Jobs mit
verheerenden Folgen

Laut Graeber geht es dabei nicht um Arbeiten, die niemand machen will, sondern um solche, die streng genommen, niemand braucht.
Tatsächlich sind im Zuge des technischen Fortschritts viele Arbeitsplätze durch Maschinen ersetzt worden. Trotzdem ist die durchschnittliche Arbeitszeit nicht etwa gesunken, sondern auf durchschnittlich 41,5 Stunden gestiegen.

Wie es dazu kommen konnte, zeigt Graeber in seinem neuen Buch. Glaubt man dem Autor, entstehen immer mehr überflüssige Jobs, mit verheerenden Konsequenzen für unsere Gesellschaft.

Ein blick zurück: Bereits im Jahr 1930 sagte der britische Ökonom John Maynard Keynes voraus, dass durch den technischen Fortschritt heute niemand mehr als 15 Stunden arbeiten müsste. Jeder, der im Job steht, wird bestätigen, dass die Realität anders aussieht.
Doch wichtiger als die Arbeitszeit ist die Sinnhaftigkeit des Tuns. Es geht um Jobs, die keinen sinnvollen gesellschaftlichen Beitrag leisten. Die Bullshit-Jobs.

Graeber in einem „Zeit“-Interview: „Tatsächlich finden viele, die im Verkauf oder im Service arbeiten, ihren Job anstrengend, aber nur wenige zweifeln seine Daseinsberechtigung an. Anders bei Angestellten, die im Büro Berichte anfertigen, die niemand lesen wird. Oder die schlicht gar nichts zu tun haben.“ Laut einer Studie gaben 37 Prozent der Befragten an, mit ihrer Arbeit leisteten sie keinen sinnvollen Beitrag.

In seiner Definition verlasse er sich vor allem auf die Selbstwahrnehmung der Menschen, so Graeber. „Ich halte meinen Job nicht für sinnlos. Immerhin habe ich ein Buch geschrieben, das Leute interessant finden und lesen wollen.“

Laut Graeber sind Immobilienmakler, Unternehmensberater und Investmentbanker „die Hofnarren des Kapitalismus“. Fatal dabei ist, dass sie im Gegensatz zu einfachen Jobs gut verdienen und gesellschaftlich hoch angesehen sind. Ein Bäcker, Dachdecker oder eine Verkäuferin können da nicht mithalten. Wobei ihre Arbeit gesellschaftlich relevant und nötig ist.

Wie wäre es mal mit einem Selbstversuch? Sich am Wochenende in einem Club als Bäcker, mal als Banker auftreten. Und die Reaktion einer neuen Bekanntschaft beobachten.

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