„Lange kann ich das nicht mehr machen“, sagt Elif Özdemir. Zusammen mit ihrem Mann und ihren zwei Töchtern (elf und sieben Jahre alt) lebt die Wilhelmsburgerin in einer privat vermieteten 80-Quadratmeter-Wohnung in der Georg-Wilhelm-Straße.
Die Lage ist okay, auch die Größe passt. Das Problem ist das Stockwerk: Die Özdemirs wohnen in der dritten Etage. Melin, die jüngere Tochter ist behindert und sitzt zurzeit im Rollstuhl. Einen Aufzug gibt es nicht. Mehrmals am Tag tragen die Eltern – meistens die Mutter, da ihr Mann berufstätig ist – das Mädchen die Treppen hinauf und hinunter.
19 Kilo wiegt Melin zurzeit, mit den Stützschienen, die sie tragen muss, noch mehr. Elif Özdemir befürchtet, irgendwann einen Bandscheibenvorfall zu bekommen. „Ich muss auch manchmal ‚Nein‘ sagen, wenn meine Tochter zum Spielen nach draußen will“, bedauert sie. „Das ist traurig, aber ich schaffe es einfach nicht mehr!“

Wir brauchen
eine Wohnung im Erdgeschoss oder mit Aufzug. Warum ist das so kompliziert?
Elif Özdemir,
Mutter

Die Familie möchte umziehen – doch das gestaltet sich schwierig. Seit etwa zehn Jahren stehen sie bei der Saga auf der Warteliste. Aufgrund von Melins Erkrankung verfügt die Familie über einen Dringlichkeitsschein. Trotzdem ist der Erfolg bislang gleich null.
„In der ganzen Zeit haben wir vielleicht drei vernünftige Angebote bekommen“, berichtet Özdemir. Diese seien aber aus verschiedenen Gründen nicht in Frage gekommen. „Wir brauchen eine Wohnung im Erdgeschoss oder mit Aufzug“, stellt sie klar. „Warum ist das so kompliziert?“
Nach Auskunft der Saga stellt sich der Fall etwas anders dar: „Allein im Jahr 2018 haben wir der Familie drei Wohnungsangebote unterbreitet, darunter eine schwellenlos zugängliche Erdgeschosswohnung“, sagt Pressesprecher Gunnar Gläser. Zudem habe die zuständige Geschäftsstelle das persönliche Gespräch angeboten, um das Mietgesuch zu verbessern und die Anforderungen an die neue Wohnung detailliert zu besprechen. „Ziel war es, eine passende Wohnung zu finden. Dies hat die Familie mit dem Hinweis abgelehnt, dass sie ausschließlich an einer Neubauwohnung interessiert sei“, so Gläser.
Zusätzlich unternimmt Familie Özdemir auch eigene Anstrengungen, ein neues Domizil zu finden – etwa über das Internetportal „immonet.de“. Gerne würden sie in Wilhelmsburg bleiben. „Allerdings mussten wir unsere Suche vor zwei Jahren auf ganz Hamburg ausweiten“, sagt Elif Özdemir.

Mauscheleien bei der
Wohnungsvergabe?

Im Zuge der Fallrecherche hat sich eine weitere Familie beim Wochenblatt gemeldet, die aus ähnlichen Gründen (schwerkrankes Familienmitglied) über die Saga eine neue Bleibe sucht. Offenbar haben die Betroffenen sehr schlechte Erfahrungen machen müssen.
„Der Vormieter wollte Geld für die Wohnung haben“, berichtet ein Familienvater aus Wilhelmsburg, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte. Einmal sei von 3.000, ein anderes Mal von 7.500 Euro die Rede gewesen. Dabei habe es sich lediglich um eine „Prämie“ und nicht um eine Abstandszahlung – etwa für eine Kücheneinrichtung – gehandelt. Der Betroffene konnte und wollte nicht zahlen. „Am Ende hat jemand den Zuschlag bekommen, der gar nicht bedürftig war“, so die Info.
Die Saga bestreitet diese Vorwürfe. „Durch unsere Prozesse bei der Wohnungsvermietung ist ausgeschlossen, dass ein Nachmieter dem Vormieter etwas zahlen muss, um die Wohnung zu bekommen“, so Saga-Sprecher Gläser. Zwar komme es durchaus vor, dass ein Nachmieter vorgeschlagen werde. Aber: „Die abschließende Vermietungsentscheidungen werden in unseren Geschäftsstellen im Rahmen eines mehrköpfigen Vermietungsgremiums unter Abwägung aller Argumente getroffen.“
Dazu gehören laut Gläser unter anderem die sozialen Belange des Kunden, eine Stabilisierung der Nachbarschaftsstrukturen und der Grundsatz der Wirtschaftlichkeit.

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