Holz-Containerschiff (Foto Chris Baudy)

Am 27. September 2018 hatte der Weltladen Harburg zu einem Vortrags- und Diskussionsabend eingeladen, um die Situation der Seeleute auf den Weltmeeren näher zu beleuchten. HARBURG21 war Kooperationspartner im Rahmen der Netzwerkreihe „HARBURG GRÜN & FAIR„.

Weltkarte Seeverbindungen (Foto Chris Baudy)

Bernd Kähler vom Weltladen Harburg begrüßte Karin Friedrich, eine der fünf deutschen Schiffsinspekteur*innen der Internationalen Transportarbeiter-Föderation (ITF), und freute sich über die 40 Gäste des Abends. „Rund 90 % des Güterverkehrs geht auf circa 50.000 Handelsschiffen (mindestens einmal) um den Globus. Sicherlich sind auch fair gehandelte Waren darunter“. Kähler überlegte, wie wohl das Arbeitsleben an Bord dieser Frachter aussähe, und umriss damit den Fokus des Abends.

„Da ist nicht viel fair auf dem Meer!“, eröffnete die einer Seefahrer-Familie entstammende ITF-Inspektorin ihren Vortrag und stellte zunächst einmal die seit 1948 laufende Billigflaggen-Kampagne von ITF vor. ITF will das Grundübel der Missstände, die an Bord der Containerschiffe herrschen, beseitigen: das sogenannte „Ausflaggen“ von Schiffen, wenn beispielsweise ein deutscher Reeder (Eigentümer der Schiffe) sein Schiff oder seine Flotte unter der (Billig-) Flagge (englisch: Flag of Convenience FLOC) eines anderen Staates wie etwa Panama oder Libyen, fahren lässt – um Gewinn maximierend Kosten zu sparen.

„Das dies zu Lasten der sanitären und humanitären Bedingungen für die Crew geht und auch umweltschädlich wirkt, leuchtet jedem, der denken kann, ein.“ Außerdem kämpft die ITF für Mindestheuern und ILO-Standards auf den „ausgeflaggten“ Schiffen. Zu den wichtigsten gewerkschaftlichen Forderungen gehört, dass, erstens Schiffe unter der Flagge des Staates fahren, in denen der handeltreibende Eigentümer ansässig ist, dass zweitens der Reeder mindestens einen ITF-Tarifvertrag mit einer Seeleute-Gewerkschaft seines Flaggenlandes abschließt und dass drittens die amtlichen Schiffskontrollen verschärft und auf viel mehr Häfen ausgeweitet werden. Denn eine flächendenkende Kontrolle ist mit den 130 international tätigen Inspektor*innen bislang nicht möglich.

Friedrich darf jederzeit die Schiffe im Hafen überprüfen und sie an der Weiterfahrt hindern, bis die aufgedeckten Missstände beseitigt worden sind. Wie etwa auf dem griechischen Frachter M/V (Motor Vessel) Sea Pioneer. „Wir bekamen einen Anruf von der Seemannsmission Duckdalben, weil sich an Bord des Frachtschiffes kein Krumen Brot mehr befand. Die Kombüse war buchstäblich leergefegt. Die Sea Pioneer habe ich erst ablegen lassen, als die Regale vollständig mit Lebensmitteln bestückt waren“, begann die Referentin ihren Erfahrungsbericht über die prekären Arbeitsbedingungen auf See. „Oder dieser Fall mit dem russischen Frachtschiff M/V Anja. Die Mannschaft kam aus Russland, der Ukraine und Litauen. Sie hatten zwar einen ITF-Vertrag, aber der Reeder war insolvent. Und so standen 250.000 US Dollar aus. Wir haben zugesehen, dass das Geld am Ende dennoch floss.“

Eines der krassesten Beispiele war wohl die M/V Divine. Reeder und Kapitän kamen aus der Türkei und waren familiär verbandelt. Familienangehörige der türkischen Crew hatten über die ITF-Hotline einen Hilferuf abgesetzt. Keine Heuer seit langem – 130.000 US Dollar hatten sich angesammelt –, ein betrunkener Kapitän, ein kaputtes Ruder. Als die Inspektor*innen an Bord kamen, flüchtete der Kapitän. Später tauchte auch der Reeder unter. Die Kripo musste eingeschaltet werden, der NDR filmte, und in den Heimatorten der Mannschaft wurden die Familien bedroht, weil die Seeleute an Bord keinen Gehaltsverzicht unterzeichnen wollten. Die gesamte Prüfung zog sich drei Monate hin.

„Es ist da draußen nicht wie beim Traumschiff!“, schloss Friedrich ihren kurzweiligen und äußerst aufschlussreichen Vortrag und beantwortete eine Reihe von Fragen aus dem Publikum. Wie zum Beispiel: „Welches Druckmittel haben die Inspekteure, um die Missstände wie fehlende faire Tarifverträge beseitigen zu können?“ Solidarität war hier das Stichwort: die Solidarität der Hafenarbeitenden mit den Seeleuten. „Und die ist sehr ausgeprägt!“

Das Fazit des Abends: Fairer Handel ist eine (feine) Sache – fairer Transport eine ganz andere, die dringend mehr Aufwind durch gezielte Aufmerksamkeit, Aktivität und Lobbyarbeit braucht. Es muss noch viel mehr gegen die Unfairness im Transportwesen getan werden. Die jüngste Kampagne für eine sozial- und umweltverträgliche Schifffahrt ist seit 15. September 2017 unterwegs: „Fair übers Meer!“. Sie stellt konkrete Forderungen an Politik und Wirtschaft zur Verbesserung der Arbeits- (und Lebens-) Situation auf den Frachtern, damit Fairness, wie im Fairen Handel an den Produktionsstätten des Globalen Südens, endlich auch im Seehandel Einzug hält: Fair Trade – Fair Shipping.

Mineralwasser und fair gehandelter Weiß- und Rotwein beendeten die dreistündige Veranstaltung. So manch eine Besucherin oder ein Besucher ging nachdenklich gestimmt nach Hause, vielleicht mit ähnlichen Gedanken wie Friederike: „Wie schrecklich das alles ist. Ich hatte wirklich die Illusion, dass die Sicherstellung fairer Arbeitsbedingungen weiter verbreitet wäre.“ Womit sich wieder einmal klar zeigte, welches Aufklärungs- und Sensibilisierungspotenzial Veranstaltungen wie diese haben.

Text: Chris Baudy
Fotos: Chris Baudy

Viele interessante Links zur Billigflaggenkampagne und zur fairen Schifffahrt  auf dem Harburger  Klimaportal

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