Entspannt auf der Tribüne des Millerntor-Stadions: Aufsichtsratschefin Sandra Schwedler. Foto: stahlpress

Von Volker Stahl. Es geschah am 16. September 1994 am Millerntor. An jenem trüben Freitagabend hatte die damals 14-jährige Sandra Schwedler ihr Initiationserlebnis. Der FC St. Pauli erkämpfte vor 11.228 Zuschauern bei „miserablen Witterungsbedingungen“ in einem „Spiel mit oftmals schwachen Niveau“, wie es in einem Zeitungsbericht hieß, ein 2:2 gegen Bundesliga-Absteiger VfB Leipzig. Juri Sawitschew und Holger Stanislawski egalisierten den 0:2-Rückstand in der Schlussphase und verhinderten eine Blamage. „Ich wollte mit 14 einfach mal ein Fußballspiel live sehen. Die ganze Atmosphäre und die Stimme von Stadion-sprecher Rainer Wulff haben mich nicht mehr losgelassen“, erinnert sich Sandra Schwedler, die an jenem Tag mit dem FC St. Pauli ein Bündnis fürs Leben schloss.

Das Thema ,Werte’ wird
eine große
Rolle im Verein spielen
Sandra Schwedler,
Aufsichtsratschefin
des FC St. Pauli

Bald wünschte sich der Teenager eine Dauerkarte, fuhr trotz elterlichen Verbots mit zum Auswärtsspiel nach Wolfsburg, trieb sich viel im Fanladen herum, wurde 1997 Mitglied im Verein, spielt dort seitdem Handball, engagierte sich bei der Fan-Gruppierung „Passanten“, gestaltete Choreographien im Stadion mit, verteilte Flyer und machte Anti-Repressionsarbeit – das volle Programm also. Der Höhepunkt der braun-weißen Karriere war 2014 ihre von der Fanszene unterstützte Wahl zur Aufsichtsratsvorsitzenden, kurzum: Sandra Schwedler wurde im St.-Pauli-Kosmos sozialisiert.

Kein Wunder, dass sie wegen ihrer Fußballbegeisterung ihr Studium vernachlässigte, das sie nach acht Semestern Jura und BWL schmiss. Schwedler absolvierte eine Ausbildung zur Mediengestalterin, belegte Kurse zum „Agilen Führungskräftetraining“ und arbeitete zwölf Jahre bei der Werbeagentur SinnerSchrader als „Director Facilitation & Organisational Development“. Darauf angesprochen, muss sie lachen: „Ich habe lange gebraucht, bis ich das am Telefon unfallfrei aufsagen konnte.“ Vor Kurzem heuerte sie bei einem Organisationsentwickler mit Sitz am Schulterblatt an – nur einen Steinwurf vom Millerntor entfernt. Dort macht sie dasselbe wie an den Spieltagen ihres FC St. Pauli: „Ich supporte Teams.“

Die kurzen Wege kommen ihr bei der ehrenamtlichen Tätigkeit als Aufsichtsratschefin entgegen. Bis zu 20 Stunden in der Woche widmet sie dem Verein, weil sie glaubt, dass man Dinge ändern könne: „Es ist viel investierte, aber gut investierte Zeit.“ In den nächsten Jahren werde das Thema „Werte“ eine große Rolle im Verein spielen, meint Schwedler: „Wir verzichten ja auf Einnahmequellen, weil wir das Stadion bewusst nicht nach einem Sponsor benennen und keine Anteile an einen Investor verkaufen.“ Deshalb müsse im Verein darüber nachgedacht werden, wie Gelder durch Aktivitäten generiert werden, die zum Verein passen. Auch dabei wird sie ihren Herzensklub vermutlich supporten.

❱❱ www.fcstpauli.com

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