Von J. Ait-Djoudi/TUHH.

Für sie fand die Vorlesung auch mal im Büro des Professors statt, einen Campus gab es nicht, die Mensa war die benachbarte Kantine der Steuerbehörde und sie waren in Harburg bekannt wie bunte Hunde: die ersten fünf Studenten der Technischen Universität Hamburg-Harburg (TUHH), die sich heute nur noch TU Hamburg nennt. Lothar Behlau war 1982 einer von ihnen, er hatte die Matrikelnummer 1 und studierte Verfahrenstechnik. Heute ist Behlau Leiter der Abteilung „Agenda 2022“ der Fraunhofer Gesellschaft.

Wie sind Sie überhaupt auf diese neue TU aufmerksam geworden?
1982 wurde die Lehre an der TUHH aufgenommen, und zwar mit dem Hauptstudium der Verfahrenstechnik. Das heißt, es mussten ein Uni-Vordiplom oder adäquate Leistungen vorgewiesen werden. Und da es damals noch kein Internet gab, wurde diese Ankündigung über sehr „normale“ Pressekanäle publiziert. Ich habe davon erfahren, weil in meinem Studentenwohnheim ein Student eine Kurznachricht aus der Zeitung ausgeschnitten und an die Pinnwand in der Küche geheftet hatte…

Was war Ihre Motivation sich an einer ganz neuen Universität für den Studiengang Verfahrenstechnik einzuschreiben?
Ich hatte an der Fachhochschule Bioingenieurwesen studiert. Das war ein sehr breit angelegter Studiengang, den ich auch mit viel Interesse studiert hatte. Aber der Nachteil dieser Breite war die mangelnde Tiefe. Man wusste von vielem etwas, aber nichts richtig. Man war nirgends Experte.
Das schien mir auch für die Berufswahl ein Manko zu sein. Ich hätte dort oftmals mit „richtigen“ Verfahrenstechnikern im Wettbewerb gestanden. Schon während meines Studiums hatte ich mal erwogen zum Studiengang Verfahrenstechnik an der Fachhochschule Hamburg zu wechseln oder nach dem Studium sogar nochmal an der Uni von vorne anzufangen (damals waren Karlsruhe und Erlangen führende Unis für diesen Studiengang).
Somit war das Angebot der TUHH für mich ein „Geschenk des Himmels“, denn damals (wie heute) war es unüblich, das Fachhochschuldiplom – mit einigen Einschränkungen – als TU-Vordiplom anzuerkennen. Das war eine einmalige Chance.

Wie war das, in der ersten Studierendengruppe an der TUHH zu sein?
Aufgrund der limitierenden Kriterien gab es nur eine sehr eingeschränkte Zahl von Bewerbern. Das waren meist Absolventen der Fachhochschule Hamburg, denen dann manchmal noch zusätzliche Vorlesungen auferlegt wurden, um ein Äquivalent zum Vordiplom nachzuweisen. Wir fingen also nach einer ersten Auslese mit fünf Studierenden an, nach ein paar Monaten waren wir dann nur vier, die dann alle das Diplom erreichten. Wir fühlten uns nicht als eine Studierendengruppe, sondern eher als ein etwas exotisches Grüppchen (von FH-Absolventen) an einer TU, an der zu 99,7 Prozent geforscht wurde.

Wie war das „Studenten-
leben“ an und außerhalb der TUHH?
An der TUHH gab es am Anfang kein Studentenleben in dem Sinne, wie es heute wahrscheinlich stattfindet. Ein Campus im Sinne eines Areals, auf dem es vor Studierenden wimmelt, war nicht vorhanden. Es gab das große Hauptgebäude an der Eißendorfer Straße und eine alte Wäscherei, von der die oberen Räume für ein paar Doktoranden angemietet wurden. Unsere „Mensa“ war die benachbarte Kantine einer Steuerbehörde ein paar hundert Meter entfernt.
Auch als ein Jahr später reguläre Studiengänge starteten, gab es noch keine studentische Szene, weder an der TU noch in Harburg, weil die meisten Studierenden auch von überallher pendelten und nur wenige in Harburg wohnten. Man hatte in Harburg durchaus einige Vorbehalte, was die TU dem Ort bringen würde. So mussten wir uns hinsichtlich eines studentischen Milieus selbst genügen. Aber natürlich gab es in Harburg alles, was ein Studierender braucht: Günstige Wohnungen, Kneipen und einen guten Verkehrsanschluss nach Hamburg. Ich war froh, auch diesen Teil von Hamburg kennengelernt zu haben.

Was war für Sie in der Zeit der TUHH ein unvergessliches Erlebnis?
Es gab ja noch keine Vorlesungsräume, sondern wir trafen uns zu den Vorlesungen oftmals in einem bestimmten Besprechungsraum. Dort gab es ein Telefon (mit Wählscheibe!), das mit einer Amtsleitung versorgt war.
Da das Telefonieren früher noch teuer war, haben wir das Telefon in den Pausen auch manchmal privat genutzt – bis dann einer meiner Kommilitonen während einer Vorlesung auf diesem Apparat auch zurückgerufen wurde. Das irritierte den Professor doch etwas. Danach war das Telefon weg.

Fakten zur Technischen Universität Hamburg (TUHH)

Gründungsjahr: 1978
Start Forschung: 1980
Start Lehrbetrieb: 1982
Professoren: 100 (2018)
Wiss. Mitarbeiter (2017): 673
Studenten (Stand 2017): 7.832
Weibliche Studenten: 26,4 Prozent
Internation. Studenten: 19,7 Prozent
Präsident: Ed Brinksma

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