S-Bahn und Hochbahn (U4) durch Wilhelmsburg, Vorschlag Michael Rothschuh

„Plant der Senat oder die zuständige Fachbehörde, die U-Bahn in die HafenCity weiter Richtung Süden zu führen, oder wie soll sonst der Sprung über die Elbe von der HafenCity über Wilhelmsburg bis nach Harburg stattfinden?“ heißt es in einer Großen Anfrage der SPD-Fraktion vom 6.Juni 2008, die u.a. von dem jetzigen Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher, dem jetzigen SPD-Fraktionsvorsitzenden Dirk Kienscherf und den jetzigen Senator*innen Stapelfeldt, Grote und Dressel unterschrieben ist.

Sehr detailliert wird weiter gefragt:

  1. Welches Bahnsystem ist für diese Strecke vorgesehen?
  2. Wie ist die Streckenführung und welche Haltestellen wird es voraussichtlich geben? …
  3. Wann plant der Senat oder die zuständige Fachbehörde die Inbetriebnahme?

Es war die Zeit der großen Versprechungen für den ÖPNV auf der Schiene nach Wilhelmsburg und Harburg im Vorfeld der Internationalen Bauausstellung Hamburg, die 2013 in Wilhelmsburg und Harburg den „Sprung über die Elbe“ vorzeigen sollte.

2008: Hochbahnchef Elste will die U 4 bis nach Harburg verlängern

Das HA berichtet am 5.1.2008  über Pläne des damaligen Hochbahn- und frühere SPD-Fraktionschefs Günter Elste. Er wird zitiert: „Der Sprung der U 4 über die Elbe ist stadtentwicklungspolitisch unverzichtbar. Stadtteile wie Veddel, Wilhelmsburg oder Kirchdorf-Süd würden dadurch aufgewertet werden.“ (Hamburger Abendblatt, 5.1.2008)

Die Streckenverlängerung der U 4 könnte durch das Reiherstiegviertel, die Ortsmitte Wilhelmsburgs und Kirchdorf-Süd bis ins Zentrum von Harburg führen. Seine Vorstellung war damals  eine Kombination aus U- und Straßenbahn: „Eine U-Bahn rollt aus dem Tunnel. Auf deren Dach klappt ein Stromabnehmer gegen eine Oberleitung, dann fährt die Bahn auf Schienen in der Straße weiter.“(Hamburger Abendblatt, 27.3.2008).

2008: S-Bahn durch Wilhelmsburg mit zwei neuen Haltestellen und Drei-Minuten-Takt

Jürgen Fenske, damaliger S-Bahn-Chef, schlägt am 5.2.1008 im Hamburger Abendblatt den Bau zweier zusätzlicher S-Bahn-Stationen in Wilhelmsburg vor: eine nahe der Rotenhäuser Straße, um dortige Wohngebiete besser anschließen zu können. Eine weitere sei im Süden Wilhelmsburgs an der Straße Kornweide denkbar.

Zudem könne der Takt bis Neugraben noch weiter verdichtet werden, technisch machbar sei auf dieser Strecke ein Drei-Minuten-Takt. „Das Potenzial reicht für S- und U-Bahn„, so Fenske. Die Realisierung des S-Bahn-Ausbaus könnte bis zur Internationalen Gartenschau im Jahr 2013 zu schaffen sein.

Die Planungen werden im HA vom 11.10.2008 vom neuen und auch jetzt amtierenden S-Bahn-Chef Kai-Uwe Arnecke bekräftigt.

2008-2018: Keine U-Bahn nach Wilhelmsburg, keine S-Bahn-Erweiterung

Die U-Bahn 4 ist zwar bis zu den Ebbrücken verlängert und dort soll eine S-Bahn Station entstehen. Für den Verkehr aus dem Süden in die Innenstadt  aber schafft das keine Erleichterung: Die S-Bahn über die Elbbrücken bleibt das überlastete Nadelöhr. Bei keiner der vielen Bauplanungen für die Elbinsel ist eine U-Bahn auch nur angedacht.

Die Pläne für die zusätzlichen Stationen bleiben irgendwo liegen, die Verdichtung durch eine S32 braucht mehr S-Bahn-Waggons. Als die Bestellung von zusätzlichen Waggons für eine S32 2014 im Verkehrsausschuss vorgeschlagen wird,  lehnt sie die Verkehrsbehörde rigoros ab: „Die Senatsvertreter teilten mit, derzeit werde keine S32 geplant.“

Erst 2018 wird aufgrund der Bürgerverträge zu den Unterkünften der Geflüchteten eine Bestelloption für zusätzliche S-Bahn-Waggons gezogen, SPD und Grüne erwirken einen Bürgerschaftsbeschluss, wonach nach 2021 möglicherweise eine Verstärkerlinie S32 eingerichtet werden soll. „Diese soll im Südast zwischen Altona und Harburg Rathaus in der Hauptverkehrszeit im Zehn-Minuten-Takt verkehren und so eine dritte Zugfahrt innerhalb eines Zehn-Minuten-Intervalls ermöglichen.“

Neue Chancen unter neuer Leitung?

Neue Stationen der S-Bahn sind schwierig geworden, weil bei beiden vorgeschlagenen Stationen die verlegte Wilhelmsburger Lösung Reichsstraße den Weg nach Westen erschwert.

Hochbahn und Fahrradweg – auf der bisherigen Wilhelmsburger Reichsstraße, (cc) Rothschuh (Fotos+Montage)

Bei der U4 fällt eine unterirdische Lösung als praktisch unbezahlbar aus. Gut verträglich mit dem Wohnungsbau und kostengünstig ist eine Hochbahn wie die U1 in Richtung Volksdorf. Aber Pläne gibt es nicht. Dafür aber eine im Moment noch die jetzige Wilhelmsburger Reichsstraße als eine mögliche Trasse. Den aber steht die IBA-Panung entgegen, die Trasse  mit Wohnungen zu bebauen

Für den ÖPNV des Hamburger Südens war die Ära des Bürgermeisters Scholz und des Wirtschaftssenators Horch sowie seines Verkehrsstaatsrats Rieckhof eine verlorene Zeit. Mit dem neuen Ersten Bürgermeister Tschentscher, einer neuen Spitze der Wirtschafts- und Verkehrsbehörde und auch dem neuen Oberbaudirektor Höing, dem Nachfolger von Jörn Walter, könnte der  ÖPNV für den Hamburger Süden eine neue Chance bekommen.

Pegelstand mit dem neuen Oberbaudirektor am 18.9.2018

Die Wilhelmsburger*innen sollten sich einbringen. Eine Gelegenheit bietet der „Pegelstand Elbinsel“ mit dem neuen Oberbaudirektor Höing am 18.9.2018, 19 Uhr im Bürgerhaus Wilhelmsburg

5 KOMMENTARE

  1. Die verlinkte Große Anfrage beschäftigt sich ausschließlich mit Kriminalität. Das Zitat stammt aber aus dieser Anfrage: https://www.spd-fraktion-hamburg.de/index.php?id=578&tx_wfpresse_pi1%5BshowUid%5D=5055&cHash=0941a40f9f4cc17bc205ad3ce939cb73

    Und dort ist Tschentscher nicht vertreten. Ich weiß daher nicht, welche politische Agenda verfolgt werden soll. Und wer soll damals eine U-Bahn nach Harburg versprochen haben? Ebenso sind es Fake News, dass eine Verlängerung gen Süden noch nicht einmal angedacht wird. Zum einen wurde der Bahnhof Elbbrücken extra so gebaut, dass eine Verlängerung ohne größeres Hindernis möglich ist. Zum anderen ist auf den Plänen zur Bebauung des Grasbrooks bereits zu erkennen, dass eine Trasse vorgesehen ist. Wie kommt man dann darauf, es sei nirgends „angedacht“?

    Ziemlich skurril, genauso wie das angebliche Naturgesetz, eine unterirdische U-Bahn sei zu teuer. Schon mal die Ostverlängerung der U4 herangezogen und u.a. Kosten sowie Erschließung/Einwohnerzahl verglichen? Und gerade aufgrund der IBA-Projekte wird eine U4-Verlängerung umso wichtiger und wirtschaftlicher. Eine Linie parallel zur S-Bahn bringt vielen Personen, insb. in den überlasteten Linien wie der 13, rein gar nichts und ist unattraktiv, insb. der Halt im Inselpark. Zudem hat eine U-Bahn systemisch nicht das Ziel, mit einer S-Bahn identisch zu sein. Daher sind Übergänge sinnvoll — natürlich nicht andauernd, weshalb es richtig ist, die U4 nicht an den Elbbrücken und an der Station Veddel halten zu lassen, sondern mitten in den neuen Stadtteil Grasbrook mit guter fußläufiger Erschließung für den Norden der Veddel, der hoffentlich zeitnah bebaut wird. Aber die U-Bahn müsste weiter westlich verlaufen. Möglicherweise aufgrund besagter Gebiete nicht über Stübenplatz, Veringstraße etc., aber immerhin parallel zur Georg-Wilhelm-Straße. Die Verlegung der Reichsstraße schafft hingegen nicht nur Wohnraum, sondern beseitigt auch ein Hindernis statt eins zu schaffen. Frag mich wirklich, wie man immer gegen alles sein kann und dann mit so komischen Annahmen oder falschen Anfragen…

  2. Hallo, Kalle Norden,
    vielen Dank für den Hinweis auf den falschen Link. Der richtige Link zur offiziellen Paramentsdatenbank ist https://www.buergerschaft-hh.de/parldok/dokument/22946/ausbau_des_oeffentlichen_personennahverkehrs.pdf
    „Große Anfrage der Abgeordneten Michael Neumann, Ingo Egloff, Britta Ernst, Dr. Dorothee Stapelfeldt, Dr. Peter Tschentscher, Karin Timmermann, Elke Badde, Jan Balcke, Ksenija Bekeris, Thomas Böwer, Ole Thorben Buschhüter, Wilfried Buss, Bülent Ciftlik, Gabi Dobusch, Anja Domres, Dr. Andreas Dressel, Barbara Duden, Gunnar Eisold, Günter Frank, Andy Grote, Uwe Grund, Metin Hakverdi, Dirk Kienscherf, Rolf-Dieter Klooß, Martina Koeppen, Anne Krischok, Philipp-Sebastian Kühn, Gerhard Lein, Arno Münster, Dr. Michael Naumann, Christel Oldenburg, Dr. Mathias Petersen, Ties Rabe, Wolfgang Rose, Andrea Rugbarth, Dr. Monika Schaal, Dr. Martin Schäfer, Jana Schiedek, Stefan Schmitt, Sören Schumacher, Karl Schwinke, Carola Thimm, Juliane Timmermann, Carola Veit, Thomas Völsch (SPD) und Fraktion vom 06.05.08 und Antwort des Senats“
    Herr Tschentscher ist also dabei – und er wird es auch nicht vergessen haben.

    Natürlich möchten die Menschen, die um den Stübenplatz wohnen – ich gehöre dazu – am liebsten, dass eine Schnellbahn direkt bei ihnen hält, ähnlich, und – weil der Stadtteil sehr dicht bebautbesonders berechtigt – ist der Bedarf bei Kirchdorf-Süd. Aber gleichzeitig soll entlang der Gebiete der jetzigen Reichsstraße gebaut werden. Und damit diese nicht noch mehr Autoverkehr mit sich bringen, ist es notwenidg, dass eine U-Bahn-Planung mit geplant wird, bevor etwas gebaut wird. Nur so wird autofreies Wohnen möglich.
    Diese Planung muss öffentlich sein, mit allem notwendigen Streit um die Linienführung, aber auch einem realistischen Blick zu Zeit und Kosten eines Baues. Die oberirdischen Stationen Elbbrücken (U4) Ottensen (S1) und Oldenfede (U1) zeigen, wie relativ (!) kostengünstig oberirdische Stationen entstehen können.

  3. Hallo Herr Rothschuh,

    danke für die Nachreichung des richtigen Links. Sowas erlebt man heutzutage nicht oft.

    Aber: ich habe mich gar nicht für eine Station am Stübenplatz ausgesprochen. Im Gegenteil. Ich schrieb explizit, dass sich der Bevölkerungsschwerpunkt durch die von Ihnen abgelehnten IBA-Gebiete weiter in den Osten verschieben. Ansonstne wäre der Stübenplatz als zentraler Ort des Reiherstiegsviertels tatsächlich eine Überlegung wert. Und genau deshalb sollte man eine U-Bahnanbindung ermöglichen und nicht durch eine neue Schienentrasse das neue Gebiet zerschneiden. Von den Wohnungen bliebe nicht mehr viel über, wenn man eine oberirdische U-Bahn ohne verkehrlichen Bedarf wie bei Ihrer Zeichnung plant und baut. Und die U4-Verlängerung war zwar richtig, aber keineswegs kostengünstig. Mit Blick auf Bau im Bestand (S3/S31) sollte man aber auch mal ein paar Meter daneben den Bau der DB anschauen.

  4. Die von mir skizzierte Hochbahn verläuft genau zwischen den von der IBA geplanten Wohnungen und Arbeitsstätten (mit Ausnahme des Wald-Dreiecks Georg-Wilhelm-Straße, Hafenrandstraße und Ernst-August-Kanal von, das ja am meisten umstritten ist).
    Vgl. dazu die Projektkarte der IBA https://www.iba-hamburg.de/fileadmin/2014/Aktuelle_Projekte/180315_IBA_Grundlagenkarte.jpg
    Eine schnelle Bahn muss ja da sein wo Menschen wohnen und arbeiten. Bekanntlich hält selbst die Hochbahn in der Isestraße die Menschen nicht davor ab, dort zu wohnen – im Gegenteil. Hochbahnen sind besonders gut erreichbar, und sie werden zunehmend leise.

    Es ist ja richtig, dass entlang der jetzigen Wilhelmsburger Reichsstraße Wohnungen entstehen sollten. Aber sie müssen zusammen mit den Schienen-Personen-Nahverkehr geplant werden, weil eine nachträglich geplante und baurechtlich nicht gesicherte U-Bahn durch Wohngebiete so gut wie nicht möglich ist.

    Und wenn man eine U-Bahn entlang der Reichsstraße baut, sollte dort auch für mehr Menschen gebaut werden als von der IBA geplant ist. Dazu trägt es bei, wenn größerer Anteil der Wohnungen geförderte Wohnungen sind, weil diese in der Regel kleiner sind als frei finanzierte.

    Die Station Inselpark führt anders als die S-Bahn mitten in den Park und ist für Fußgänger und Radfahrer sehr gut erreichbar von den Wohn- und Arbeitsstätten entang der Georg-Wilhemsstraße, und über die Brackstraßenbrücke auch von Kirchdorf.

    Die S-Bahn erschließt die Wohngebiete sehr schlecht, weil zusätzliche Stationen durch die Doppeltrasse mit den Autobahnzufahrten zur WRS keinen Sinn machen.

  5. „Eine schnelle Bahn muss ja da sein wo Menschen wohnen und arbeiten.“

    Da haben Sie recht. Deshalb ergibt die Station im Park keinen Sinn und deshalb muss die Bahn weiter westlich verlaufen, sprich, mitten durch den (zukünftigen) Siedlungsschwerpunkt. Das Maßstab sind 400 Fußmeter bis zur Station in den Verkehrswissenschaften.

    „Hochbahn in der Isestraße die Menschen nicht davor ab, dort zu wohnen – im Gegenteil.“

    Historischer Bestand ist nie ein guter Maßstab. Ebenso zieht die Hochbahn dort nicht Anwohner an. Erinnern Sie sich noch daran, wie bereits eine Straßenbahn in der Gegend Hamburgs gescheitert ist, sodass Ahlhaus von der CDU sie einstampfte und sich Scholz nicht wagte, die Pläne erneut auszurollen?

    „Aber sie müssen zusammen mit den Schienen-Personen-Nahverkehr geplant werden, weil eine nachträglich geplante und baurechtlich nicht gesicherte U-Bahn durch Wohngebiete so gut wie nicht möglich ist.“

    D’accord. Sehe ich genau so. Irritierend daher, dass der vorige Oberbaudirektor einst sagte, man müsse erst die Entwicklung Wilhelmsburgs abwarten, um über eine Verlängerung der U4 nachzudenken. Auf der anderen Seite der (Norder-)Elbe hingegen argumentiert man eine U4-Verlängerung damit, dass man nicht nur günstiger bauen kann, wenn man erst die Infrastruktur schafft, sondern zugleich den Bodenwert beim Verkauf erhöht und somit bereits zu Beginn des Einzugs der Bürger ein Angebot hat, sodass sie nicht auf die Idee kommen, sich erstmal ein Auto zu holen. Und welches Potenzial das Reiherstiegviertel durch eine U-Bahn-Verbindung mit wenigen Minuten in die Innenstadt hat, wird hierbei völlig ignoriert. Vielleicht setzt der neue OD da ja neue Prioritäten.

    „Und wenn man eine U-Bahn entlang der Reichsstraße baut, sollte dort auch für mehr Menschen gebaut werden als von der IBA geplant ist.“

    Sie sagen doch selbst, dass die Gebiete umstritten sind. Das ändern man nicht, indem man sie noch größer macht. Zudem wollen Sie die verfügbaren Flächen ja immens durch eine U-Bahn reduzieren, sodass man noch weiter in die Höhe gehen müsste, um Wohnraum für mehr Anwohner zu schaffen. Das haut argumentativ nicht hin.

    „Die S-Bahn erschließt die Wohngebiete sehr schlecht, weil zusätzliche Stationen durch die Doppeltrasse mit den Autobahnzufahrten zur WRS keinen Sinn machen.“

    Deshalb ist es auch nicht sinnvoll, wenige Meter entfernt komplett parallel eine U-Bahn zu bauen. Eine neue U-Bahn muss für die Leute möglichst fußläufig erreichbar sein und als Vor- bzw. Nachlauf die S-Bahn verbinden. Wenn wir schon mit Paint herumspielen und keine verkehrliche Bedarfsanalyse machen, dann gebe ich dies zurück: https://imgur.com/a/0oNYgfO

    Das erschließt nicht nur die Wohngebiete besser und schafft zugleich verkehrlich relevante Übergänge bzw. Netzeffekte, sondern wäre mit Blick auf die Zukunft auch eine schöne Hochschullinie, da die drei technischen Hochschulen TU, HCU und HAW Hamburg auf ihr verbunden werden.

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