ieben Millionen waren offenbar nicht genug: Musiker, Künstler und Gewerbetreibende aus der Bernstorffstraße. Foto: Daniel Schlegel

Die Musiker von Fettes Brot haben hier ein Tonstudio, Künstler Rocko Schamoni betreibt vor Ort eine Werkstatt: Der Hinterhof der Bernstorffstraße 117 bietet einem Kollektiv von Kreativen und Gewerbetreibenden ein Zuhause, das wahrscheinlich zu den buntesten von ganz Hamburg gehört. Etwa 110 Menschen arbeiten auf dem 4.700 Quadratmeter großen Gelände inmitten einer ruhigen Wohngegend von St. Pauli. Ein dreistöckiges Wohnhaus gehört auch dazu. Doch nun ist das lauschige Idyll akut bedroht: Eine Berliner Immobilienfirma hat das Ensemble gekauft und droht mit massiven Mietsteigerungen. Auch Kündigungen stehen im Raum. Niemand weiß, wie es nun weiter geht.
Seit vielen Jahren – in einigen Fällen Jahrzehnten – kennen und schätzen sich die Mieter aus der Bernstorffstraße. „Wir haben hier eine tolle Mischung, jeder kommt mit dem anderen gut klar“, sagt Ralf Gauger, der eine Tischlerei mit 20 Angestellten betreibt. Auch mit dem alten Vermieter habe es nie Probleme gegeben. Reparaturen an den Gebäuden – ein über 100 Jahre altes ehemaliges Straßenbahndepot – habe man immer selbst übernommen, dafür sei die Miete günstig gewesen.

Bis zum Sommer 2017, als das 4.700 Quadratmeter große Grundstück in einer Nacht-und-Nebel-Aktion den Eigentümer wechselte. „Wir hätten gerne mitgeboten, wurden aber nicht informiert“, bedauert Gauger. Das Hauptproblem: Als Gewerbetreibende genießen die ansässigen Nutzer weitaus weniger Rechte als „normale“ Wohnraummieter. Verträge werden auf Zeit abgeschlossen, einen Kündigungsschutz gibt es nicht. Doch die Betroffenen geben nicht auf: Mit „Viva la Bernie“ haben sie eine Anwohner-Initiative gegründet, es existiert eine Facebook-Seite (siehe Hinweis rechts).
Auch das Bezirksamt signalisiert Unterstützung: Kürzlich wurde eine Städtebauliche Erhaltungsverordnung auf den Weg gebracht. Diese legt fest, dass Nutzungsänderungen und größere Umbauten zuvor behördlich genehmigt werden müssen.
Neuester Coup der „Bernie“-Initiative ist ein Kaufangebot an der neuen Eigentümer: Für sieben Millionen Euro würde man das Ensemble übernehmen. „Weitaus mehr als es wert ist“, sagt Gauger. Eine mögliche Alternative wäre ein Gesamtmietvertrag für das Nutzerkollektiv. Dieser würde es der Gruppe zumindest erleichtern, ihre Rechte durchzusetzen.

❱❱ Viva la Bernie:
www.facebook.com/BERNSTORFF117/

Runder Tisch

Bezirksamtsleiterin Liane Melzer hat sich als Vermittlerin im Konflikt zwischen Mietern und Investor in der Bernstorffstraße 117 eingeschaltet. Im Altonaer Rathaus gab es dazu Ende Juni einen Runden Tisch, bei dem die neuen Eigentümer Christoph Reschke und Alexander Möll zusagten, „verschiedene Varianten konkret zu prüfen, um der Hofgemeinschaft eine langfristige Perspektive zu sichern“, heißt es in der gemeinsamen Pressemitteilung.
Die Eigentümer favorisieren demnach einen langfristigen Mietvertrag an einen solventen Hauptmieter, hinter dem die Gemeinschaft steht, beispielsweise in Form einer Genossenschaft. „Sie sind aber auch bereit, ein konkretisiertes Kaufangebot zu prüfen.“
Der Eigentümer möchte die Mieten erhöhen, „jedoch so sozial verträglich, dass niemand den Hof verlassen müsse.“
Außerdem wurde ein möglicher Kompromiss debattiert, nach dem die Hofgemeinschaft auf ihren genutzten Flächen langfristig bleiben kann und im Gegenzug die Eigentümer auf einer derzeit als Parkplatz genutzten Fläche nachbarschaftsverträglich Wohnbebauung realisieren und möglicherweise die Gewerbeflächen im Bereich der Hofeinfahrt erweitern können. EW

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