Mit seinem kleinen roten Klapprad bahnt sich Michael Rothschuh den Weg durchs Unterholz. Viele Brombeersträucher wachsen hier, im Dreieck zwischen Ernst-August-Kanal, Schlenzigstraße und Harburger Chaussee. Ebenso Erlen, Pappeln und Weiden, manche davon bis zu 90 Zentimeter dick. Vor kurzem hat es geregnet, jetzt scheint die Sonne wieder durchs Geäst.
Rothschuh, Mitglied von „Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg“ erzählt von früher, als es den Spreehafenwald noch nicht gab. Stattdessen hatten hier Kleingärtner ihre Lauben. „1962 bei der großen Flut ist dann alles verschwunden“, berichtet Rothschuh. Nun soll es auch den bald 60 Jahre alten Bäumen an den Kragen gehen: In spätestens vier Jahren will die Internationale Bauausstellung (IBA) mit dem Bau des Spreehafenviertels beginnen. Zehn Hektar Wald, Heimstatt für Nachtigallen, Fledermäuse und diverse Insekten, müssen dafür weichen. Rothschuh findet es prinzipiell gut, dass Wohnungen gebaut werden. Die Frage sei nur, wo. „Es geht schon ein erhebliches Stück vom Landschaftsbild verloren“, sagt über die IBA-Pläne.

Es geht schon ein erhebliches Stück vom Landschaftsbild verloren
Michael Rotschuh,
Zukunft Elbinsel
Wilhelmsburg

Innerhalb der nächsten zehn Jahre wird die Elbinsel zur Großbaustelle. Insbesondere die Längsachse der alten Wilhelmsburger Reichsstraße ist betroffen: Mit dem Elbinselquartier, dem Wilhelmsburger Rathausviertel und dem Inselparkquartier plant die IBA hier drei große neue Wohngebiete. Zusammen mit den drei restlichen IBA-Projektgebieten Spreehafenviertel, Georgswerder und Georg-Wilhelm-Höfe entstehen insgesamt rund 5.200 Wohnungen.
Nicht nur am Spreehafen, sondern auch am Haulander Weg (Elbinselquartier, 13 Hektar) gehen teils über Jahrzehnte gewachsene Waldflächen verloren. Weiterer Grünflächenverlust droht an der Kornweide, wo die verlängerte Autobahn A26 verlaufen soll. Umweltorganisationen wie der NABU (siehe Interview Seite 3) haben sich gegen die Planungen ausgesprochen. Auch die neu gegründete Bürger-initiative „Die Waldretter“ fordert Alternativflächen für den Wohnungsbau – beispielsweise im Hafen. „Aber diese Flächen, die mindestens so viel Entwicklungspotenzial bieten würden, fasst man lieber nicht an, weil sie von Privatfirmen verseucht zurückgelassen wurden“, beklagte ein Ini-Mitglied bei der Veranstaltung „Pegelstand“ im Februar.
Was bleibt, ist der grüne Wilhelmsburger Osten – der als Naherholungsgebiet nach Meinung von Rothschuh jedoch nur bedingt geeignet ist. „Vom Reiherstiegviertel bis nach Moorwerder sind es ungefähr zehn Kilometer“, sagt er. „Das wäre in etwa so, als müsste man vonAltona nach Wandsbek fahren.“

Mehr zum Thema: Artikel „Nachverdichtung nicht übertreiben“, Interview mit Malte Siegert (NABU).

1 KOMMENTAR

  1. Zum Artikel : Nur der Osten bleibt Grün
    Was in dem Zuge des Raubbaus an den letzten grünen Flächen im Norden Wilhelmsburg auch nicht vergessen werden darf, ist dass das Ganze mit einem großen sogenannten „Beteiligungsverfahren“ wieder begleitet wird. Denn nach Außen in der der Öffentlichkeitsarbeit der IBA möchte man immer zeigen das so etwas stattfindet- und ganz toll läuft. Ob und wie die „BürgerInnen“ dann wirklich beteiligt wurden steckt im Detail.
    Was die Bebauung des Spreehafenviertels angeht habe die beteiligten „Bürger“ schon vor Jahren (in den Workshops der Beteiligungsformate) immer wieder NEIN zur Bebauung dieser Naturflächen gesagt. Was vonseiten der IBA aber ignoriert wurde – um im nächsten laufenden Verfahren wieder dieselbe Fragen zu stellen. Dies hat dann in diesem (letzten) Bürgerbeteiligungsverfahren dazu geführt, dass die Menschen die Ihre Zeit für „die Planungen“ dort eingebracht hatten, wutentbrannt und enttäuscht kurz vor Ende wieder raus gegangen sind, da Ihre Einsprüche geben NICHT berücksichtigt worden. Der für die Natur maximal schlechteste Entwurf zur Bebauung wurde von Behörden und IBA dann auch noch bevorzugt.
    Es ist Augenscheinlich das es trotz der Proteste (gegen diese völlig unzureichende Beteiligung) und der darauffolgenden Übernahme des Beteiligungsverfahrens von „Perspektiven“ vom Bürgerhaus Wilhelmsburg, dieselben Strategien zur Aushebelung von wirklicher Partizipation weitergeführt werden.

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