Wie steht der NABU, der ja gerade erfolgreich Unterschriften für seine Initiative „Hamburgs Grün erhalten“ gesammelt hat, zu den Wohnungsbauplänen in Wilhelmsburg? Gibt es Alternativen, die weniger Grünflächen beanspruchen würden, etwa die Brachflächen im Hafen?
Malte Siegert: Es ist an sich gut, wenn ehemalige Industrieareale und Hafenflächen bebaut und nicht Grünflächen an den Stadträndern durch Stadtentwicklung versiegelt werden. Eine Teilfläche des Spreehafenviertels wurde von der Fachplanung der Umweltbehörde aber als wertvolle Biotopverbundfläche ausgewiesen. Entsprechend sollte diese erhalten bleiben und dort nicht überplant werden. Das Problem mit der Stadtentwicklung ist aktuell, dass es mit der Nachverdichtung an vielen Stellen in der Stadt übertrieben wird.

In Hamburg gibt es ein Gesetz zum Naturschutz, nach dem beim Wohnungsbau kein Grün verloren gehen darf. Wird diese Vorgabe eingehalten?
Grün darf laut Bundesnaturschutzgesetz dann an einer Stelle verloren gehen, wenn innerhalb der Planung ortsnah an anderer Stelle ein adäquater Ausgleich stattfindet. Das Problem: Hamburg verfügt nicht mehr über ausreichende Ausgleichsflächen. Ziel des Ausgleichs ist aber, vor allem betroffenen Arten in unmittelbarer Nähe Alternativen zu bieten. Das schafft man kaum noch, und Hamburg weicht mittlerweile oftmals auf weit entfernte Flächen in Schleswig-Holstein oder Niedersachsen aus.

Nach dem Abriss der alten Wilhelmsburger Reichsstraße sollen vom ehemaligen Fahrdamm ein paar „grüne Inseln“ erhalten bleiben. Reicht das aus als „Natur in der Stadt“?
Das Areal im Bereich der alten Wilhelmsburger Reichsstraße sollte mal so etwas wie die grüne Lunge im Hamburger Süden werden. Die Planung sieht aber mittlerweile viel mehr Wohnungsbau vor als ursprünglich angedacht. Auch auf eben jenen Ausgleichsflächen.
Das bedeutet einerseits mehr Versiegelung mit erheblichem Grünverlust. Anderseits stehen in einem wachsenden Stadtteil am Ende deutlich weniger Freizeit- und Erholungsflächen zur Verfügung. Es gibt auf Behördenebene viele Instrumente und Erkenntnisse: zu Fragen der Stadtklimas, des Freiraumbedarfs, der umweltgerechten Stadt. In der täglichen Abwägung wird aber meist zugunsten wirtschaftlicher Interessen – auch von Investoren – ganz anders entschieden. Das muss sich ändern.

Wie bewerten Sie das Vorhaben „A26-Ost“? Wieviel Grün fällt den Planungen zum Opfer? Was könnte man besser machen?
Der in der Planung verlängerte Tunnel im Bereich Kornweide soll mit der Bebauung von 16 Hektar Landschaftsschutzgebiet in unmittelbarerer Nähe gegenfinanziert werden. Die Menschen vor Ort werden von der Verkehrsbehörde erpresst. Entweder ist das Grün weg oder die Anwohner leiden unter Lärm- und Luftemissionen. Auch bei Moorburg sind wertvolle Flächen betroffen.
Die Frage ist, ob man so ein anachronistisches Autobahnmonster aus dem 20. Jahrhundert überhaupt noch braucht? Die überzogenen Prognosen der Vergangenheit sind komplett hinfällig, der Umschlag im Hafen sinkt und kommt nicht wieder – wegen der Digitalisierung, des 3-D-Drucks und sich verändernder Logistikketten. Verantwortungsvolle Politik muss bereit sein, veraltete Projekte aufzugeben.“

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