Jochen Engel unterwegs an der Blankeneser Strandtreppe. Foto: kroll

Oliver Kroll, Blankenese
Ein Briefträger geht in den Ruhestand. Was anderenorts achselzuckend zur Kenntnis genommen wird, gerät im Blankeneser Treppenviertel zum Ereignis.
Die Presse rückt an, Anwohner schreiben Abschiedsbriefe, malen Plakate. Anlässlich des Abschieds nach 44 Jahren als Postbote im Treppenviertel ist sogar ein Büchlein erschienen, das Blankeneser Stimmen gesammelt hat und Einblicke in das Leben eines Briefträgers in diesem ganz besonderen Zustellbezirk Hamburgs gibt.

Engel: „Bin spontan und gehe gern auf Menschen zu“

1952 im Harz geboren, begann Jochen Engel am 1. September 1967 seine Ausbildung zum Postjungboten. Unterbrochen von der Bundeswehrzeit war er dann ab dem 1. Januar 1974 Briefträger in Blankenese. „Als ich nach Blankenese kam, bekam ich als Erstes zu hören: Was will der Ausländer hier?“, so erinnert sich Engel in dem Büchlein: „Hier ein Winken, dort ein Küsschen“.
Der Titel des Buches beschreibt den Arbeitstag Engels ebenso knapp wie treffend. Denn wenn Jochen Engel durch seinen Bezirk ging, dann hatte er für jeden ein freundliches, aufmunterndes Wort.
„Keine Frau, die er nicht mit einem Küsschen begrüßt hat“, so Markus Konrad aus der Blankeneser Hauptstraße. Was ein klein wenig übertrieben ist, denn nicht alle Damen seines Reviers legten Wert auf ein Küsschen auf die Wange.
Für den Schauspieler Heinz Lieven war Engel weit mehr als ein Briefträger. „Er war Sorgenbrecher und Vitalitätsbro-cken. Er war die Fröhlichkeit, die die Regenwolken vertreibt.“

Vital muss ein Briefträger im Blankenser Treppenviertel in der Tat sein. Treppauf, trepp-ab führt sein Weg zu manchmal sehr versteckt gelegenen Häuschen mit ihren noch versteckter gelegenen Briefkästen.
Schnell lebte sich Engel nach seinen ersten Schritten im Treppenviertel ein. „Ich bin spontan und gehe gern auf Menschen zu“, so Engel. Diese Spontaneität hat sich Jochen Engel bis zu seinem letzten Arbeitstag erhalten. Bei jedem Wetter erklomm er die vielen Stufen, grüßte links und rechts, verteilte Küsschen, wenn sich die Gelegenheit bot.
An nasskalten Tagen war es aber oft auch ein sehr einsamer Job. Niemand wollte gegrüßt werden, keine Tür öffnete sich.
Sätze wie: „Wie geht es dir, Süße?“ werden fortan im Blankeneser Treppenviertel nicht mehr zu hören sein. Selbst wenn sich über die Jahre ein ähnlich vertrautes Verhältnis wie zwischen Jochen Engel und seinen Kunden bilden würde – Engels Posten wird mit einer Frau besetzt.

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