Marietta Solty vor dem „Hongkong“ auf dem Hamburger Berg. Foto: stahlpress

Susann Witt-Stahl, St. Pauli
Außer dem „Hongkong“ ist nichts von Hamburgs Chinesenviertel geblieben. Marietta Solty führt das Hotel mit Bar seit 1983 und gehört mit ihren 75 Jahren zu den ältesten Wirtinnen auf St. Pauli. Nach seiner Einwanderung 1926 hatte ihr Vater Chong Tin Lam es, zunächst als Restaurant, am Hamburger Berg eröffnet, der damals noch Heinestraße hieß und eine der letzten Straßen ist, wo sich heute noch alte Seemannskneipen finden.
Längst gehört das Lokal, in dem rund um die Uhr Betrieb ist, zu den legendären Orten auf dem Kiez. Nicht nur, wie hier jeder findet, wegen des „besten Mexikaners in der ganzen Stadt“, dem feurigen Kurzen, den Marietta bis heute selber mixt, und den unglaublich günstigen Preisen: Es ist die bewegte und tragische Geschichte von dem Gründer und seiner Tochter.
1944 war Chong Tin Lam nach Schikanen durch die NS-Kripo und Gestapo mit weiteren 127 Chinesen bei einer brutalen Razzia verhaftet und schwer misshandelt worden. „Verdacht, antinationalsozialistische Versammlungen abgehalten zu haben“, so einer der haltlosen Vorwürfe. „Er hat die Gefahr gespürt“, meint Marietta und erzählt, wie ihr Vater Tschi Fong (Schneeflocke) – das ist ihr chinesischer Name − kurz vorher noch in einen Zug nach Heidelberg gesetzt hatte. Dort, bei der Schwester seiner Geliebten, später zeitweise wieder in Hamburg, wuchs sie auf.

Nach dem Krieg gab es keine Entschädigung für den Vater

Als Chong Tin Lam nach Ende des Nazi-Terrors und Gefängnis- und Lageraufenthalt in Fuhlsbüttel, Stendal und Kiel-Hassee endlich frei war, bekam er sein „Hongkong“ zurück, aber keine einzige Mark Entschädigung. Was man ihm angetan hatte, sei nur ein „gewöhnlicher polizeilicher Vorgang“ gewesen, hieß es.
Als er 1983 verstarb, hat Marietta nach Tätigkeiten als Verkäuferin in einem Eisenwarengroßhandel, Rechtsanwaltsgehilfin und Bedienung in einem Nachtklub in der Großen Freiheit das „Hongkong“ übernommen. „Ich bereue es nicht − obwohl ich eigentlich Modezeichnerin werden wollte.“
Vergilbte Fotos von dem stets elegant gekleideten Vater aus einer Zeit, als die Seefahrt noch romantisch sein konnte, Matrosen und Hafenarbeiter ihre Gäste waren, erinnern Marietta an schöne Zeiten St. Paulis, die heute Geschichte sind: „Es gab einen großen Zusammenhalt unter den Gastwirten. Mittlerweile ist alles weggebrochen. Es geht nur noch ums Geld. Ein paar Prominente kaufen alles auf, und die alt Eingesessenen werden immer mehr links liegen gelassen“, sagt sie und berichtet von zunehmender Gewalt. „Viele kommen nur noch, um die Sau rauszulassen.“
Aufgeben und Ruhestand – davon will Marietta, die die Vitalität einer jungen Frau ausstrahlt, aber nichts wissen: „Ich werde weitermachen, bis ich am Tresen tot umfalle.“

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