In der vergangenen Woche wurde die Durchfahrtsbeschränkung für alte Diesel-Lkw erstmals von der Polizei überprüft. Foto: mg

Folke Havekost, Sternschanze
Für Teutonia 10 sind die Wolken am Sonnabend schlimmer als Dieselabgase. Das Sommerfest des rührigen Stadtteilvereins leidet unter dem grauverhangenen Himmel. Statt wie geplant 40 sind aus Angst vorm Regen erst vier Flohmarktstände auf dem Rasenplatz aufgebaut. Keine 20 Meter weiter läuft alles wie gewohnt. Viel Verkehr, mal fließend, oft stockend: Die Max-Brauer-Allee ist eine von zwei Straßen, die seit dem 31. Mai teilweise für bestimmte Dieselfahrzeuge gesperrt ist, wenn sie nicht zum Anwohner- oder Anliegerverkehr gerechnet werden können.
„Ich nehme das Verbot eigentlich nur in Satireshows wahr“, sagt Teutonen-Vorstand Tim Heicks, der immer mit dem Fahrrad zum Sportplatz kommt: „Und durch Leute, die mir sagen, dass sie gar nicht mehr hier sein dürften, aber ansonsten durch Wohngebiete fahren müssten.“
Die komplizierte Erklärung, wer denn nun eigentlich nicht mehr fahren darf, legt es schon nahe: Im Grunde hat sich seit Beginn des Verbots nicht viel geändert – außer dass Bewohner der Nebenstraßen nun über vermehrten Dieselausstoß durch den Ausweichverkehr klagen. „Um den Stickstoffdioxid-Grenzwert künftig sicher einzuhalten, ist es das Ziel, den Durchgangsverkehr auf Ausweichstrecken umzuleiten“, heißt es aus der vom grünen Senator Jens Kerstan geleiteten Umweltbehörde. Feinstaub für Alle: eine sonderbare Variante der Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse, von denen das Grundgesetz spricht. Für den Hamburger Senat ist es die Umsetzung des vor einem Jahr beschlossenen Luftreinhalteplans, die durch die Entscheidung des Leipziger Bundesverwaltungsgerichts im Februar erst möglich wurde.

„Die Luft kennt keine Grenzen“, sagt Alexandra Grimm von der Initiative „Reine! Luft! Altona!“ und zieht das Fazit: „Placebos helfen nicht. Es ist nur klar geworden, dass die Verpestung durch den umgeleiteten Verkehr noch gestiegen ist.“ Tempo-30-Zonen wie in Berlin seien wesentlich sinnvoller, meint Grimm, aber insgesamt führe kein Weg daran vorbei, den gesamten Verkehr zu reduzieren.
Seit 1997 misst „MB 70“ die Luft. Am Dienstag liegen die vorläufigen Stickstoffdioxid-Werte zwischen sieben und 22 Uhr konsequent über der EU-Norm von 40 Mikrogramm. Abends um Acht ist die Belastung mit 70 Mikrogramm am höchsten. Entscheidend für die Statistik ist allerdings der Jahresmittelwert, den die Stadt in Einklang mit dem Luftreinhalteplan bringen will.
Inzwischen haben die Polizeikontrollen begonnen. Pkw-Besitzern drohen 25 Euro und Brummifahrern 75 Euro Strafe, falls ihre Vehikel nicht der Euronorm 6 entsprechen – was auf rund 70 Prozent der 340.000 in Hamburg gemeldeten Dieselfahrzeuge zutrifft.
Die Kontrollen haben ihre Tücken. Denn woran erkennt man die „Umweltsünder“, denen beim Kauf ihres Wagen oft versichert wurde, alle Ökostandards seien eingehalten? Schadstoffwerte erkennt die Lunge spät, das Auge gar nicht. Und die vom Bundesumweltamt empfohlene Blaue Plakette zur Kennzeichnung der Kraftfahrzeuge gibt es noch nicht. Wenn sie einen potenziellen Altdiesel erspähen, müssen die Polizisten ihn herauswinken und sich vom Halter die Fahrzeugpapiere zeigen lassen. Viele der aus dem Verkehr gezogenen Fahrer zeigen sich überrascht, dass gerade ihr Wagen betroffen sein soll. Als verkehrspolitisches Topthema hat der sonntägliche Totalausfall am Helmut-Schmidt-Flughafen die Dieselfahrverbote verdrängt.
Zwischendurch scheint es wenigstens so, als stünde die stolze Hansestadt bald nicht mehr allein auf weiter Flur. Hannover prüfe eigene Verbotszonen, heißt es. Lokalpolitiker dementieren jedoch eilig: Beliebtheitspunkte lassen sich mit dem Thema kaum abstauben.

„Menschen an der Kieler Straße gehen leider leer aus“

Für viele Kritiker sind ohnehin die Vertreter der Autoindustrie die eigentlichen Umweltsünder. Doch auch die erkennt man nicht, sie fahren wohl auch weder die Max-Brauer-Allee entlang noch die nur für bestimmte Lkw gesperrte Stresemannstraße, die die Stadtteile St. Pauli, Sternschanze und Altona verbindet. „Ohne die Betrügereien der Autokonzerne und die Untätigkeit des Bundesverkehrsministeriums müssten wir in Hamburg keine Diesel-Durchfahrtsbeschränkungen anordnen“, wettert Umweltsenator Kerstan, der das Verbot „als letztes Mittel“ bezeichnet. Daneben sollen der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs, neue Ladepunkte für Elektro-Autos, Carsharing und das Vorantreiben der Fahrradstadt Hamburg bis 2020 für eine nachhaltigere Verbesserung sorgen. Fabio De Masi, der für die Hamburger Linke im Bundestag sitzt, bezeichnet das Verbot schlicht als „eine Kapitulation der Politik vor den Machenschaften der Gangster im Nadelstreifen“.
Am Busbahnhof Altona tu-ckert derweil ein Dieselmotor, der die Linie 25 über die Max-Brauer-Allee bringen wird. Auch für Busse gilt eine Ausnahme. Die verbotenen Abschnitte beider Straßen sind zusammen 2,18 Kilometer lang, das entspricht gerade rund 0,5 Promille des Hamburger Straßennetzes. Fahruntüchtigkeitsgrenze einmal anders. Die empfohlenen Umleitungen sind zwei- bis dreimal so lang. „Wir brauchen keine andere Verteilung der Belastung, sondern eine Verringerung. An einer Zonenregelung geht deshalb aus meiner Sicht kein Weg vorbei“, sagt Manfred Braasch, Landesgeschäftsführer des Bund Hamburg, und bemängelt: „Die Fahrverbotszonen wurden so gewählt, dass eine Umfahrung ohne Aufwand möglich ist.“ Auch die Bürgerschaftsabgeordnete der Linken Heike Sudmann kritisiert: „Die Menschen an der teils noch höher belasteten Habichtstraße und der Kieler Straße gehen leider leer aus.“

Kreuzfahrtriesen sind ein ganz anderes Kaliber

Nordwestlich vom neoklassizistischen Prachtbau mit dem zumindest ökologisch unbedenklichen Standbild von Kaiser Wilhelm I. zu Pferde als Vorbau liegt Ottensen. Die Initiative „Ottenser Gestalten“ misst die Umweltbelastung in der Nachbarschaft mit selbstgebauten Feinstaubsensoren. Hier geht es nicht mehr um Miniatur-Fahrverbote, sondern um große Lösungen. „Wir dürfen nicht mehr als selbstverständlich hinnehmen, dass Kinder zur Hauptverkehrszeit massiv abgasbelastet zur Schule gehen müssen“, sagt Uta Lohmann und fordert strikte Durchfahrverbote, Umwelt- und Fußgängerzonen, näher am Verkehr platzierte Messstationen und Landstromanlagen für die Schiffe, die in Altona an der Elbe anlegen. Im Vergleich mit alten Dieselautos seien die Kreuzfahrtriesen – und auch die Energiegewinnung durch Kohle – schließlich ganz andere Kaliber.

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