Zum Arzt oder zum Einkaufen fährt Harald Peterlick nur noch, wenn es nicht mehr anders geht. „Sobald ich länger auf dem Teil sitze, tut mir alles weh“, erklärt der 64-Jährige. Bis zum S-Bahnhof Wilhelmsburg etwa benötigt Peterlick mindestens 25 Minuten, wenn er mit seinem Elektromobil der Marke „Shoprider TE 888“ unterwegs ist.
Seit Januar 2017 darf der zu 100 Prozent schwerbehinderte Rentner mit seinem „E-Scooter“ nicht mehr den HVV-Bus benutzen – angeblich, weil diese zu leicht umkippen und somit zur Gefahr auch für andere Fahrgäste werden können. Peterlick hält das für Blödsinn: „Bevor ich damit umfalle, muss der Bus schon mit 60 Sachen in die Kurve gehen“, sagt er. Zudem habe er zur Sicherheit sowieso immer Keile für die vier Scooter-Räder dabei. „Damit steh‘ ich ganz sicher.“

Erst seit wenigen Wochen ist überhaupt ein Modell auf dem Markt, das
unsere
Vorgaben erfüllt
Rainer Vohl,
HVV-Sprecher

Bereits Ende 2016 hatte das Wochenblatt über den Fall berichtet – also kurz bevor das Verbot in Kraft trat. Der HVV hatte damals neue Regeln aufgestellt: In Bussen dürfen E-Scooter seither nur noch mitgenommen werden, wenn sie nicht länger als 1,20 Meter sind. Auf die wenigsten Modelle trifft dies zu – auch Peterlicks „Shoprider“ ist mit 1,22 Meter lediglich um eine Fingerdicke zu lang. Ebenso moniert das Verkehrsunternehmen die bei vielen Modellen fehlende Allradbremse.
Nach Auskunft von HVV-Sprecher Rainer Vohl beruht die Neuregelung auf einem Gutachten des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV). Zwar sei man rechtlich nicht gezwungen, dies umzusetzen. „Anderenfalls gehen wir aber ein gewisses Risiko ein“, so Vohl. Knackpunkt sei vor allem die Bremse. „Erst seit wenigen Wochen ist überhaupt ein Modell auf dem Markt, das unsere Vorgaben erfüllt.“ Vohl: „Meine persönliche Hoffnung ist, dass sich die Bremsen der älteren Scooter nachrüsten lassen.“
Harald Peterlick hat in seinem Leben sieben Bandscheibenvorfälle erlitten. Aufgrund seiner Schmerzen bekommt er morgens und abends starke Medikamente, die aber offenbar nicht seine Fahrtüchtigkeit beinträchtigen. Bei seiner Pflegeversicherung hat der Senior jetzt das neue E-Scooter-Modell beantragt. „600 Euro soll ich dazugeben – das kann ich mir eigentlich nicht leisten. Vielleicht“, hofft Peterlick, „klappt’s ja mit einer Befreiung.“

 

Das sagt die zuständige Senatskoordinatorin

Ingrid Körne, Senatskoordinatorin für die Gleichstellung behinderter Menschen in Hamburg, bedauert die Situation der gehandicapten HVV-Gäste. „Ich habe volles Verständnis für die Enttäuschung und die Wut der E-Scooter-Nutzer, die von dieser Situation direkt betroffen sind“, sagt sie. Was jahrelang kein Problem dargestellt habe, nämlich die Mitnahme dieser Fahrzeuge in den Linienbussen des HVV, sei aus Sicherheitsgründen abrupt eingestellt worden. „Dies ist im Einzelfall schwer nachvollziehbar“, so Körner. Dennoch müsse man die Entscheidung des HVV im Hinblick auf die Sicherheit aller Fahrgäste akzeptieren. Das Ergebnis des Gutachtens dürfe nicht
ignoriert werden.

Anmerkung: Nicht in allen Bundesländern grenzen Verkehrsbetriebe Schwerbehinderte mit E-Scooter von der Beförderung aus. Ein Beispiel: Berlin.

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