Künstlerportrait des Pianisten Tobias Koch zu seinem Auftritt beim Chopin Festival Hamburg 2018
Bild: Philip Lethen

Fans von besonderen Konzerten auf historischen Instrumenten horchen sofort auf, wenn sie den Namen Tobias Koch hören. Er gilt als einer der anerkanntesten Spezialisten für Klaviere des 19. Jahrhunderts. Sein musikalisches Credo ist, sich mit unvoreingenommener Entdeckerfreude auf das Geheimnis des Klangs einzulassen. Dies und ein intensives Studium spezialisierten ihn für die Aufführungspraxis auf historischen Flügeln. Auf u.a. Cembalo, Clavichord, Hammerflügel, Pedalflügel und romantischem Konzertflügel spielt er ebenso unorthodox wie lebendig jede Art von Musik.

Einen besonderen Schwerpunkt nehmen die Werke von Frédéric Chopin für ihn ein. Er arbeitet intensiv mit dem Staatlichen Polnischen Chopin-Institut in Warschau zusammen. Im Jahr 2016 war er der erste deutsche Pianist, der die ehrenvolle Einladung erhielt, das traditionelle – von Rundfunk und Fernsehen live übertragene – Chopin-Geburtstagskonzert in dessen Geburtshaus in Zelazowa Wola zu gestalten.

Neue Wege, neue Leidenschaft

Wie aber kommt man dazu, sich im herkömmlichen Konzertbetrieb der brillanten, lauten Flügel mit historischen Tasteninstrumenten zu befassen? Es war tatsächlich eine eigene Entwicklung. Der Rheinländer war mit Jazz und Pop aufgewachsen. Historische Klaviere im Museum sah er eher als „Möbelstücke“ an, wenn auch sehr schöne. Vom Klang dieser Kästen aus hübschem Holz wusste er nichts, denn es waren Museumsstücke, die nur zum Ansehen aber nicht zum Anhören da waren. Der Vater schaffte ein einfaches Klavier an, eine „Sperrholzkiste“, um die Mutter zu beeindrucken, die gut Geige spielte. Ein großer Pianist war er jedoch nicht. Die Liebe zum Klavierspiel entwickelte Tobias Koch dennoch und er machte seine Ausbildung in Düsseldorf, Österreich und der Schweiz.

Der Klavierkünstler lernte, dass einzig der Notentext zähle und der Klang kein so großes Gewicht habe. Er war schon ein recht bekannter „moderner“ Pianist, als er im Vleeshuis Museum Antwerpen einmal auf einem Hammerflügel von Conrad Graf spielte. Im Studium hatte er schon ein vages Interesse für historische Instrumente entwickelt. Als er jedoch den Klang dieses wohlgehüteten musealen Schatzes erlebte, war es für ihn eine Inspiration. Er warf alles über Bord und stürzte sich begeistert in die Erforschung historischer Instrumente und die dazugehörige Aufführungspraxis. Mit Meisterkursen allein war der virtuose Umgang mit der Vielfalt an historischen Instrumenten, deren Mechaniken etc. nicht zu erlernen. Koch traf Klavierbauer, besuchte Museen, las aufführungspraktische Quellen, erforschte auch den historischen Kontext. Und er wurde zum Sammler und besitzt z.B. einen Wiener Hammerflügel von Nannette Streicher & Sohn (1832) oder Londoner Konzertflügel von Pierre Érard (1851).

Instrumentale und menschliche Musik-Partner

Inzwischen hat er sich ein Netzwerk aus Privatleuten und Museen aufgebaut, die historische Instrumente bewahren, und spricht gern mit Instrumentenbauern und Restauratoren. Wenn sich ihm auf Reisen (seinen „Klavier-Safaris“) die Möglichkeit bietet, ein weiteres Instrument kennenzulernen, nimmt er jeden Umweg dafür in Kauf. Um ihren Geheimnissen, ihrem ganz besonderen Wesen auf die Spur zu kommen, braucht es glückliche Momente. Sie geben sich den Spielern oder Restauratoren nicht einfach preis. Ein solches Instrument lehrt den Künstler, vorsichtiger mit der Musik umzugehen und ist somit so etwas wie ein Partner oder Lehrmeister für ihn.

Musikalische Partner aus Fleisch und Blut sind für Tobias Koch heute z.B. Andreas Staier (Klavier), Joshua Bell, Lena Neudauer (Violine), Steven Isserlis (Violoncello), Dorothee Mields (Sopran) und Markus Schäfer (Tenor). Ebenso spielt er mit Concerto Köln, Václav Luks mit Collegium 1704 Prag, l´arpa festante, den Chören des Westdeutschen und Bayerischen Rundfunks sowie Frieder Bernius mit seiner Stuttgarter Hofkapelle. Er arbeitet eng mit Instrumentenbauern, Restauratoren und zahlreichen Institutionen für historische Musikinstrumente zusammen (darunter Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg; Museum für Musikinstrumente Leipzig; Deutsches Museum, München sowie Clavierland Kremsmünster, Österreich). Der MDR Figaro berichtet über ihn: „Koch lässt durch sein Klavierspiel musikalische Bilder wie im Fluge entstehen und wieder vergehen. Mitreißend gespielt, wird hier einfach jeder Takt zum Erlebnis.“ Über 35 CD-Aufnahmen sind von ihm erschienen mit Werken von u.a. Mozart, Reichardt, Beethoven, Schubert, Fanny und Felix Mendelssohn, Liszt, Chopin, Schumann, und Ferdinand Hiller.

Chopin’s last concert

Neben zahlreichen Konzerten in Polen ist Tobias Koch seit Jahren ständiger Gast und zugleich einer der beliebtesten Künstler beim internationalen „Chopin & his Europe“ – Festival in der Warschauer Nationalphilharmonie. Er gibt regelmäßig Meisterkurse in Polen zur Chopin-Interpretation für junge polnische Pianisten. An der Seite von internationalen Chopin-Experten war er auch Jurymitglied im Internationalen Chopin-Wettbewerb Darmstadt 2017.

Am 30. Juni 2018 verspricht der Pianist im Rahmen des 1. Chopin Festivals Hamburg eine besondere Darbietung: The last Concert: Eine Rekonstruktion von Chopins einzigem Solo-Recital. Auf einem Rousselot Flügel (Nîmes ca. 1830) wird er u.a. Etüden, Walzer, Nocturnes und Balladen vorstellen. Was aber ist so außergewöhnlich daran? Im Jahr 1848 spielte Chopin ein Konzert in Edinburgh als solistisches Klavierrezital – es war wohl das einzige, das er je gegeben hat. In dieser Zeit war es eher üblich, dass mehrere Künstler an einer Aufführung teilnahmen. Chopins Ruhm zog die Menschen jedoch schon von selbst an. Die Rezensenten lobten überschwänglich seinen Anschlag, die Schönheit seines Tones und die unvergleichliche musikalische Gestaltung jeder Phrase. Aus der damaligen Ankündigung gehen in etwa die vorgetragenen Werke oder Werkgattungen hervor. Ergänzt durch Konzertkritiken und Briefe lässt sich das Programm dieses Abends größtenteils rekonstruieren.

Chopin Festival Hamburg

27. Juni – 02. Juli 2018

Karten, Programm und weitere Infos unter:

http://www.chopin-festival.de/

Die Karten sind zudem an allen bekannten Vorverkaufsstellen erhältlich, z.B. bei

http://www.konzertkassegerdes.de/

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