Damals wie heute: An der Sternbrücke sind viele Menschen unterwegs – auf dem Postkartenmotiv wohl allerdings hauptsächlich wegen dem gesellschaftlichen Ereignis, dass ein Fotograf zu sehen war. Repro: Altonaer Stadtarchiv

VOLKER STAHL, ALTONA
Ein um das Jahr 1910 entstandenes Postkartenmotiv von der Sternbrücke in Altona fällt in eine Zeit wachsender Großstädte. Der „all to nahe“ Nachbar Hamburg hatte bei der Einwohnerzahl gerade die Millionengrenze überschritten, der Wohnungsbau und der Hafen boomen. Altona kann wirtschaftlich zwar nicht mithalten, wächst aber auch kontinuierlich – von 164.778 (1901) auf 184.634 (1913) Einwohner.
Altona Nord, wo sich die auf dem Foto abgebildete Eisenbahnbrücke befand, wurde erst nach 1875 Stadtteil. Nördlich der Allee (heute Max-Brauer-Allee) wurden zuerst die Viktoria-Kaserne und das Amtsgericht erbaut. „Erst anschließend erfolgte die Besiedlung“, erzählt Wolfgang Vacano vom Altonaer Stadtarchiv, aus dessen Sammlung dieses Fundstück stammt. Die Schienen verliefen entlang der damaligen Hamburger Straße, einer Verlängerung der Allee.

Menschauflauf für den Fotografen ^

Bei flüchtiger Betrachtung des Bildes könnte man meinen, die Menschenmenge warte an einer Haltestelle auf die Ankunft der Straßenbahn. Doch es ist kein Schild zu sehen. „Fotografieren war damals ein gesellschaftliches Ereignis“, erklärt Vacano, „man ging extra dorthin, um sich ablichten lassen. Deshalb sind alle Blicke in Richtung Kamera gerichtet.“ Auch weiter entfernt sind zahlreiche Schaulustige zu erkennen.
Auf der Bahn prangt in großen Lettern die Zahl 174, die das Fahrzeug im Volksmund als sogenannte „Chinesenbahn“ oder „Pagodenbahn“ ausweist. Die Straßenbahn wurde so genannt, weil deren Dach mit
einer stilisierten Pagode ausgestattet war. Im Inneren des
Gefährts hatten Schaffner und Kassierer einen Schnellrechner zur Hand, der nach einem
Fingerdruck das Wechselgeld ausspuckte.
Auffällig ist die großflächige Werbung an der Wand des Hauses, das bis heute als eines von wenigen in der Gegend erhalten ist: „Möbelbedarf Hector Wachtmann & Co.“, „Deutsche Möbel Transportgesellschaft“, außerdem sind die Wörter „Trompeten“ und „Weinhandlung“ zu erkennen.
„Werbung an der Hauswand war bis in die 1950er-Jahre üblich“, sagt der Stadtchronist von Altona. „Zeitweise sieht man sie heute noch an den
Fassaden, weil die Eigentümer darüber entscheiden können, wie sie gestaltet werden.“ Heute ist die Straßenbahn ebenso
Geschichte wie die darüber tuckernde Eisenbahn. Auf
deren Schienen verkehrt jetzt die S-Bahn zur Sternschanze.

❱❱ Altonaer Stadtarchiv,
Max-Brauer-Allee 134,
(über Seiteneingang Hospitalstraße), Tel. 50 74 72 24
kontakt@altonaer-stadtarchiv.de
www.altonaer-stadtarchiv.com
mo-fr 10-16 Uhr (nur nach Voranmeldung)
Leiter und Ansprechpartner: Wolfgang Vacano

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