Ein Tinnitus zwang ihn, genau auf die uns umgebenden Geräusche zu achten: Manuel Schwiers im Karoviertel. Foto: kp flügel

KP Flügel, Eimsbüttel
Stadtrundgänge gibt es in unserer schönen Stadt in allen Variationen und Preisklassen, Manuel Schwiers bietet einen der ungewöhnlichsten an. Der St. Paulianer beschreibt ihn als „Lauschen und Rauschen – Spaziergänge durch Hamburgs Klangfelder“. Das kann ein Rundgang durch das Karoviertel, die Hafengegend, Altona, Eimsbüttel, Eppendorf oder das Überqueren der Kennedybrücke sein.
Wer sich ihm anschließt, soll sensibilisiert werden für die geheimnisvolle Welt der Alltags-Geräusche. „Es ist immer wieder eine Erfahrung, sich dem Rauschen, den Geräuschen der Stadt oder auf dem Land hinzugeben“, sagt der 39-Jährige. Er selbst wurde durch einen Tinnitus dazu gebracht, sich mit seiner akustischen Umwelt auseinanderzusetzen, auch um über bestimmte Frequenzen hinweghören zu können.
Geht es darum, die Geräusche einparkender Autos, spielender Kinder oder in Cafés sitzender Menschen wahrzunehmen? „Ja, es ist tatsächlich so, dass die Geräusche unserer ganz normalen Alltagswelt wahrgenommen werden sollen. Ich verwende keine Technik, es wird nichts zugespielt. Wir laufen durch die Stadt und achten auf die jeweiligen Geräusche, die da vorkommen.“ Selbstverständlich überlegt sich Manuel Schwiers unterschiedliche Routen: „Das ist für mich Kompositionsarbeit. Ein Spaziergang durch Klanglandschaften, die man im Idealfall dann als Musik wahrnimmt.“

Jeder hört beim Soundwalk etwas völlig anderes

Manuel Schwiers verweist auf drei Komponisten, deren theoretische Ansätze er bei den Soundwalks immer gern vorstellt: John Cage mit seinem Stück „4.33“, bei dem Alltagsgeräusche zu Musik gemacht werden. „Für mich ein Ansatz, der das musikalische Erleben der Alltagswelt ermöglicht.“ Daneben bezieht er sich auf R. Murray Schafer, der bereits in den 1960er-Jahren Klanglandschaften erforschte und Geräusche katalogisierte. Die dritte Bezugsperson ist für ihn Pauline Oliveros, die ein Konzept des tiefen Zuhörens entwickelt hat, das Geräusche, Klänge, Sprache, Musik und Gedanken mit einbezieht.
„Ich versuche die Leute dahin zu bringen, dass sie sich auf die sie umgebenden Geräusche einlassen. Wichtig ist mir, dass sich die Mitlaufenden auch untereinander über das Gehörte austauschen. Denn die Hör-Erfahrung ist total subjektiv. Jedem fällt etwas anderes auf, jeden spricht etwas anderes an. Der Austausch erweitert natürlich die Sinne, auch meine eigenen“, unterstreicht der Soundwalker. Da wir eher visuell geprägt sind, ist die Hör-Ebene bei den meisten gar nicht präsent. „Als Feedback bekomme ich häufig zu hören, dass Töne wahrgenommen werden, die sonst gar nicht registriert wurden.“

❱❱ Termine der Soundwalks unter www.spaziergaeng.de

Kurzbio
Manuel Schwiers wurde 1979 in Homberg bei Kassel geboren. Er arbeitete lange als DJ und Veranstalter und spielte in Bands. 2007 Umzug nach Hamburg und Studium der Kulturwissenschaft in Lüneburg. Seitdem als Kulturwissenschaftler und Musiker aktiv. KP

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