Das 1871 gegründete „Sanitäts-Hülfs-Corps Altona“ half mit, die damals grassierende Tuberkulose einzudämmen. Fotos/Repros: Vacano

Volker Stahl, Altona
„Weißt du noch…?“ Nein, die meisten Menschen, die heute in Altona leben, wissen nicht, wie es früher in der bis 1937 selbstständigen Stadt aussah. Und Altonaer, die etwas zur Geschichtsschreibung beitragen könnten, werden immer weniger. Dafür siedeln sich immer wieder Menschen hier an, die den heutigen Stadtteil kaum kennen, geschweige denn etwas von der äußerst vielfältigen Geschichte Altonas wissen. Unsere neue Elbe Wochenblatt-Serie soll mithilfe des von Wolfgang Vacano geleiteten Altonaer Stadtarchivs zumindest etwas „Grundwissen“ über Altona und die Stadtteile vermitteln, die zum heutigen Bezirk Altona gehören. Beginnen wollen wir die Geschichtsreihe mit einer Schilderung zum „Sanitäts-Hülfs-Corps Altona“ von 1871.

1871 wurde Altona
preußische Garnisonsstadt

Altona war einst eine holsteinische Stadt, die lediglich unter „dänischer Oberhoheit“ stand, also nie „dänisch“ war. „Nach der Eingemeindung ins preußische Staatsgebiet 1867 setzte ein Aufschwung ein“, erzählt Wolfgang Vacano. Der wurde durch die 1871 erfolgte Bestimmung Altonas zur Garnisonsstadt begünstigt. Auf einer damals noch grünen Wiese errichtete Preußen die Victoria-Kaserne. Altona-Nord gab es noch nicht.
Damals markierte die „Allee“, die heutige Max-Brauer-Allee, die Stadtgrenze von Altona-Altstadt.

Das „Sanitäts-Hülfs-Corps“
kämpft gegen Seuchen

„1871 waren auch Altonaer sehr stolz darauf, dass der deutsch-französische Krieg gegen den ,Erbfeind’ gewonnen wurde“, sagt Vacano. Dabei seien französische Kanonen „erbeutet“ worden, die später einem Siegerdenkmal am alten Bahnhof einverleibt wurden.
Im selben Jahre gründete sich in Altona das „Sanitäts-Hülfs-Corps des Rothen Kreuzes Altona“. Schon 1868/69 war der „Vaterländische Frauenverein Altona“ vom Roten Kreuz aus der Taufe gehoben worden, in dem Helene Donner als besondere Wohltäterin wirkte. Das Schwesternhaus wird noch heute in der Max-Brauer-Allee
betrieben.
Um 1871 wütete in Altona die sich schnell verbreitende Tuberkulose. „Aus heutiger Sicht war es ein Segen, dass sich die ‚Hülfsdienste‘ in den Dienst der Bekämpfung dieser Seuche stellten, an der später auch Altonas Oberbürgermeister Schnackenburg starb“, betont Vacano. Das heutige „Rote Kreuz Altona“ erlangte national und international auch wegen seiner „Hundestaffel“ einige Berühmtheit. Es feiert im nächsten Jahr sein 150-jähriges Bestehen.

Gründungsmappe landet
per Zufall im Archiv

Wolfgang Vacano hat die Mappe aus der Entstehungszeit des „Sanitätscorps des Rothen Kreuzes Altona-Ottensen“ von einer alten Dame für sein Archiv geschenkt bekommen. Oft lagerten solche Stücke jahrzehntelang im Schrank, so Vacano, „und plötzlich tauchen sie auf“. Dabei handelt es sich um die handschriftliche Niederschrift des Gründungsprotokolls des Sanitätscorps aus dem Jahr 1871, verfasst von einem Oberarzt und Medizinalrat.
❱❱ Altonaer Stadtarchiv,
Max-Brauer-Allee 134,
(über Seiteneingang Hospitalstraße),
Tel. 50 74 72 24
kontakt@altonaer-stadtarchiv.de
www.altonaer-stadtarchiv.com
mo-fr 10-16 Uhr (nur nach
Voranmeldung)
Leiter und Ansprechpartner: Wolfgang Vacano

Porträt: Wolfgang Vacano leitet das Altonaer Stadtarchiv
Die Schatzkammer Altonas ist ein Keller an der Max-Brauer-Allee. Auf gut 100 Quadratmetern lagern dort Abertausende Postkarten, Schilder und Stadtpläne, Werbebroschüren, Gedenkbücher und viele Terabyte mit Fotos und gescanntem
Material aus der Geschichte der bis 1937 selbstständigen Stadt. In Vitrinen sind alte Bierdeckel der Holsten-Brauerei ebenso zu bestaunen wie alte Programmhefte des Flora-Theaters („Mordprozess“ von Bayard Veiller) oder das gut erhaltene Exemplar des ledergebundenen Gründungsprotokolls des „Sanitäts-Hülfs-Corps Altona“ aus dem Jahr 1871. Ein Unikat, das man im Staatsarchiv vergeblich sucht.

16 ehrenamtliche Tätigkeiten übt er aus

Seit 32 Jahren trägt der in Garmisch-Partenkirchen geborene und in Berlin aufgewachsene Wolfgang Vacano nicht nur Fundstücke aus der Geschichte Altonas zusammen, sondern begleitet auch den Wandel des heutigen Stadtteils mit seinem Fotoapparat. Keine Baustelle, die der 77-Jährige nicht alle paar Tage aufsucht und ablichtet. „Was du heute nicht knipst, ist morgen nicht mehr da“, sagt der pensionierte Polizist, der altem italienischen Adel entstammt, was er lakonisch mit „irgendwann ist das ‚von‘ weggefallen“ kommentiert.
Vacano ist ein Besessener, wenn es um sein Altona geht, das er 1960 zum ersten Mal gesehen hat, als ihn die Liebe zu seiner vor drei Jahren verstorbenen Frau Gisela („eine echte Hamborger Deern“) in den Norden verschlug. Künstler, Bildhauer wollte er werden, nachdem er Kirchenglaser gelernt hatte. Doch es kam anders. „Ohne Geld geht nix“, sagte seine Frau. Vacano beugte sich ihrem Diktum und wurde nach seiner Zeit bei der Bundeswehr mit 23 Jahren Polizist – und daneben Hobbymaler mit eigenem Atelier. Bei ihm sei letztlich die „preußisch dominierte Erziehung“ durchgeschlagen, kommentiert der Mann, in dessen Ahnenreihe sich zahlreiche Staatsdiener befinden.
Offenbar gehört auch bürgerschaftliches Engagement zu den Tugenden, die seinen Charakter prägen. Er wurde ehrenamtlicher Bühnenmaler bei der Volksspielbühne Rissen, stieg im Altonaer Bürgerverein zum Vorsitzenden auf und avancierte schließlich zum Chronisten seiner neuen Heimat. Und das mit einem enormen „Output“: Vacano hat 17.000 Seiten geschrieben, 31 Bücher veröffentlicht, 500.000 Bilder und 400 verschiedene Darstellungen des Altonaer Wappens zusammengetragen, 11.000 Ordner angelegt, 40.000 Stunden Arbeit und wohl ebenso viele Euro in sein Archiv gesteckt, das heute als Stiftung eingetragen und an das Altonaer Museum gebunden ist.
Im Dezember 2017 wurde Vacano, dessen „Kopf nie still steht“ und der auf seiner Website 16 ehrenamtliche Tätigkeiten aufzählt, mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.

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