Spielt nächste Saison der HSV in der gleichen Liga wie St. Pauli? Gerd (r.), St. Paulianer, stößt mit „HSV-Herbert“ an. „Ich glaube es ja nicht“, sagt er. „Aber für den Fall hat mir meine Schwester schon Tickets versprochen.“ Foto: cvs

Zigarettenqualm wabert durch die Luft, aus den Boxen dröhnt laute Rock- und Popmusik. Das Lokal „Zum Wilhelmsburger“ in der Fährstraße ist eine Raucherkneipe. Und eine, in der der Fußball zu Hause ist. Man sieht es schon von draußen: Zur Straße hin hat das Tresenteam ein hübsches Fan-Schaufenster gestaltet. Mit lauter Fußball-Devotionalien: Links St. Pauli, rechts der HSV. Trikots, Fahnen und Käppis der beiden Hamburger Bundesliga-Vereine.
Einen Fernseher sucht man im „Wilhelmsburger“ allerdings vergebens. „Bezahlfernsehen können wir uns hier nicht leisten“, erklärt Wirtin Simone Stoldt. Wer Bundesliga gucken will, muss eben in eines der Lokale nebenan gehen. „Da gibt es genug Möglichkeiten“, meint Stoldt.
Vergangenes Jahr wurde der „Wilhelmsburger“ von einer Boulevardzeitung zur „besten Kneipe Hamburgs“ gekürt. Nie im Leben hätte Simone Stoldt damit gerechnet. „Wir haben geweint vor Freude“, gab sie anschließend zu Protokoll.
Gewählt wurde das bereits 1910 erstmals eröffnete Lokal nicht zuletzt wegen des großen Zusammenhalts unter den
Gästen: Alle sagen „Du“ zueinander, man begrüßt sich mit Umarmung und Küsschen. „Wir sind wie eine große Familie“, sagen sie im „Wilhelmsburger“. Es gibt einen Sparclub mit 50 Mitgliedern und vier Darts-Mannschaften, die regelmäßig gegen andere Kneipenteams spielen.
Natürlich sind auch etliche Fußballfans vertreten. Zwei von ihnen sitzen beim Bier einträchtig beeinander, obwohl sie doch miteinander verfeindet sein müssten: Gerd, St.Pauli-Fan von Kindesbeinen an, daneben „HSV-Herbert“, über dessen fußballerische Gesinnung man kein weiteres Wort zu verlieren braucht.
„Manchmal pöbeln wir uns gegenseitig an, aber ’ne halbe Stunde später ist das wieder vergessen“, sagt Gerd. Er lacht und prostet seiem Nachbarn zu. Heute ist Sonnabend, doch Herbert, seit 1971 Fan der Rothosen, will gar nicht Fußball gucken. Zu aufregend, meint er. „Ich will den HSV so in Erinnerung behalten, wie ich ihn kenne.“ Das klingt nach Abschied und fast schon nach Beerdigung. Ist der HSV wirklich so schlecht?
Wirtin Simone schert sich jedenfalls nicht um Abstieg oder Klassenerhalt. „Wir bleiben in jedem Fall Fan-Kneipe“, sagt sie. „Einmal HSV, immer HSV!“

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