Ein Baum ist nicht gleich ein Baum

Über Jahre, ja Jahrzehnte hinweg, war die Verkehrssicherheit nicht gefährdet vom Maulbeerbaum vor der Goethe-Schule Harburg (GSH) an der Eißendorfer Strasse. Aber das ändert sich jetzt offenbar: denn der Baum (genauer: zwei (!!) seiner Äste) stehen neuerdings im Weg – in 4,6 m Höhe!
Warum die Gefahr bestehen soll, wo selbst LKW in Deutschland nicht höher als 4 m sein dürfen, ist nicht klar.
Erst recht nicht, wenn man bedenkt, dass die Verkehrssicherheitsgefährdung für einen neu geplanten Radweg (modern ausgedrückt: Velo-Route) bestehen soll.
Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang auch, dass eine Verkehrsgefährdung an dieser Stelle nicht so groß ist, als dass diese die Einrichtung eine Tempo-30-Zone (was vor anderen Schulen aus grundsätzlichen Erwägungen regelhaft der Fall ist) nach sich ziehen könnte. Diese hat die Polizei, zuständig als sog. Untere Verkehrsbehörde, vielmehr immer abgelehnt.
Selbst nach der Umsetzung der neuen Bundesratsrichtlinie, für die sich die Hansestadt schon sehr viel Zeit genommen hat, ist die GSH nicht dabei.
Bezüglich der Velo-Route wurde hingegen bereits entschieden: der Baum muss weg!
Man muss jetzt nicht zu Lichterketten, Gedenkmärschen, Mahnwachen oder anderen Protestformen aufrufen.
Aber man sollte den Verantwortlichen in den Behörden schon mal ein paar Fragen stellen. Beispielweise, warum ein gesunder Baum, unter dem ein gut ausgebauter Radweg entlangführt, ohne dass dieser durch den Baum je gefährdet erschien, nun für den Neubau eines Radweges gefällt werden soll.
Tatsächlich ist dieser Abschnitt des Radweges nicht bekannt für Stau, Auffahrunfälle oder sonstige Unwägbarkeiten. Dass allerdings immer wieder Schüler aus der nahen GSH regelwidrig nicht nur auf dem Fuß- sondern eben auch auf dem Radweg gehen und stehen, wird auch die Velo-Route nicht ändern.
Es wird also ein Baum geopfert für die Umsetzung einer politischen Idee, die man hier auch als Ideologie bezeichnen kann, oder sogar muss: Hamburg muss Fahrradstadt werden, koste es, was es wolle – hier nur eben notdürftig als „verkehrssicherheitsbedürftig“ verbrämt.
Ein anderer Baum, ganz in der Nähe, hat da mehr Glück – theoretisch jedenfalls.
Es ist eine – übrigens deutlich jüngere – Linde in der Kerschensteiner Strasse, die momentan auf der Baustelle der ehemaligen Grundschule steht, auf der ein Neubau der GSH entsteht. Dabei stand der Baum dem Neubau im Weg, weswegen er gefällt und nach Abschluss der Bauarbeiten ersetzt werden sollte.

Das lehnte eine Sachbearbeiterin im Bezirksamt allerdings ab. Der Baum sei zu erhalten, der Neubau müsse verlegt werden. Diesem – übrigens irrsinnig teuren – Beschluss nach Aktenlage vermochte weder das Bezirksamt noch eine übergeordnete Behörde zu widersprechen.
Damit der Baum weiterleben kann, wird der Neubau jetzt um über einen Meter in die Schulfläche hinein versetzt und nimmt den rund 1.700 Schülern der GSH knapp 100 qm Schulhoffläche vom ohnehin schon viel zu kleinen Schulhof.
Dass der Baum die Ausschachtungsarbeiten und damit einhergehenden Verletzungen im Wurzelbereich sowie entsprechenden Ausschneidungen der Krone für das Baugerüst überlebt, gilt unter Fachleuten übrigens als höchst unwahrscheinlich.
Dass die Fläche den Kindern dauerhaft fehlt, wird damit jedoch in Stein gemeißelt und in Beton gegossen.
Aber hier geht es ja nur um Kinder, nicht um einen Fahrradweg.

Gerd Kotoll

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