Gregers Nissen (Mitte) mit zwei Mitreisenden etwa 1930 unterwegs in Ostpreußen: Als „Stärkungsmittel“ für zwischendurch wurde den älteren Radlern „Four Crown Whisky mit Selterswasser“ ans Herz gelegt. Werbeslogan: „Erhitzt nicht und stillt den Durst“. quelle: ABC
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Heutzutage ist ein Großteil der Radfahrer in Hamburg mit Scheibenbremsen, Helm und Leuchtreflektoren unterwegs. Vor 150 Jahren, als die ersten „Tretkurbelvelozipede“ im Straßenbild auftauchten, galt die Radelei hingegen als unsicher und gefährlich. Radler waren auf löchrigen, staubigen Straßen unterwegs und mussten sich gegen jagende Hunde und bald auch rücksichtslose Autofahrer durchsetzen. Gefürchtet war der sogenannte „Header“ vom meterhohen Hochrad hinunter aufs Straßenpflaster, der nicht selten schwere, mitunter sogar tödliche Verletzungen nach sich zog. Die ersten Radfahrer waren Pioniere, Hasardeure, Draufgänger. Gregers Nissen, ausgebildeter Volksschullehrer aus Ottensen und späterer Erster Vorsitzender des Altonaer Bicycle-Clubs (ABC), war einer dieser Pioniere. Bereits um die Jahrhundertwende herum unternahm Nissen ausgedehnte Reisen per Drahtesel nach Skandinavien, ins Baltikum und nach Spanien. Und er organisierte zahllose, gemeinschaftliche „Wanderfahrten“ – heute würde man „Fahrradtouren“ dazu sagen – für Jugendliche und Erwachsene. „Gregers Nissen war einer der ersten Förderer des Radtourismus“, sagt Lars Amenda, Historiker aus Altona. Zusammen mit seinem mindestens ebenso radbegeisterten Kollegen Oliver Leibbrand hat Amenda vor ein paar Jahren den ABC wiederbelebt. Nun ist eine Biografie der beiden über Gregers Nissen erschienen (s. u.).

„Er wollte die Menschen aus der Tretmühle holen“

Was hatte den gebürtigen Nordfriesen so für die Radelei eingenommen? Und insbesondere für die gemeinsamen Ausflüge – eine „Huldigungsfahrt“ zum vormaligen Reichskanzler Bismarck in den Sachsenwald zählte die damals unvorstellbare Zahl von 1.200 Teilnehmern. „Er wollte die Menschen aus der Tretmühle des Alltags herausholen und sie dazu ermutigen, ihre Heimat und andere Länder kennenzulernen“, sagt Amenda. Auch als Reiseschriftsteller tat sich Nissen hervor: Sein Hauptwerk „Vom Wanderfahren auf dem Rade“, erschienen 1922, beschäftigt sich mit den Themen Routenplanung, Gepäcktransport und Übernachtungsmöglichkeiten. Ein weiteres Werk – „Von Hamburg auf dem Rade nordwärts“ (1897) – galt lange als verschollen, bis es kürzlich auf einem Hamburger Flohmarkt wiederentdeckt wurde. Das Büchlein im DIN-A6-Format ist als Nachdruck beim ABC erhältlich.

❱❱ Lars Amenda/Oliver Leibbrand: Gregers Nissen. Fahrradpionier und Reiseschriftsteller (2017). Verlag: Nord- friisk Instituut. 144 Seiten.

Interview mit Vorstandsmitglied Lars Amenda

Der Altonaer Bicycle-Club (ABC) wurde 1869 zum ersten Mal gegründet. Das zweite Gründungstreffen erfolgte im Jahr 1880 – aus dem simplen Grund, dass die Mitglieder mit Altona einen passenderen Ort gesucht und gefunden hatten, um sich ins Vereinsregister eintragen zu lassen. Nach seiner erneuten Wiederbelebung im Jahr 2013 gilt der ABC heute als ältester Fahrrad-Club der Welt. Das Wochenblatt sprach mit Vorstandsmitglied Lars Amenda (47).

Fahrradbegeisterter Historiker aus Altona: Lars Amenda (47).
Foto: cvs

Elbe Wochenblatt: Wie sind Sie darauf gekommen, den Altonaer Bicycle-Club wieder aus der Taufe zu heben? Lars Amenda: Mein Mitautor Oliver Leibbrand hatte seine Abschlussarbeit an der Uni über den ABC verfasst. Sein Prof meinte damals nur: „Warum gründen Sie den Club eigentlich nicht wieder?“ Es stellte sich heraus, dass der ABC zwar 2001 aus dem Vereinsregister getilgt worden war, aber ein paar Radballer aus Eimsbüttel gab es immer noch. Drei von ihnen sind heute unsere Ehrenmitglieder!

EW: Wie viele Mitglieder haben Sie aktuell? LA: Knapp 80.

EW: Als Fahrradclub mit ziemlich genau 150-jähriger Vergangenheit lassen Sie gerne alte Traditionen wiederaufleben. Zum Beispiel haben Sie zusammen mit 6.000 weiteren Teilnehmern im Jahr 2015 das Radfahr-Brevet Paris-Brest-Paris absolviert. Über 1.200 Kilometer fast ununterbrochen im Sattel. Wie schafft man das? LA: Es klingt extremer, als es ist. Der eigene Körper und auch das Adrenalin helfen einem. Man sollte allerdings vorbereitet sein. Ich habe 73 Stunden für die Strecke gebraucht, davon habe ich insgesamt fünf Stunden geschlafen. Glauben Sie mir: Zwei Stunden Schlaf am Stück können bereits sehr erholsam sein!

EW: Würden Sie sich als sportlich bezeichnen? LA: Gar nicht so sehr. Ich halte es eher mit Gregers Nissen, der das Reisen an sich wichtiger fand, als das schnelle Vorwärtskommen. Vor ein paar Jahren habe ich einige Touren nach Frankreich und nach Spanien unternommen. Es ist ein tolles Gefühl, jeden Tag ein Stück neue Landschaft zu erleben! Ich finde aber auch Norddeutschland und die deutschen Küsten sehr reizvoll.

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