Dr. Hermann Müller-Dornieden und Assistentin Britta arbeiten ehrenamtlich für Menschen ohne Krankenversicherung. Foto: AD

Sofia Asenova streift die Socke von ihrem rechten Fuß und zeigt dem Arzt den geschwollenen Knöchel. Die 17-Jährige ist mit Mutter Rozalina (alle Namen geändert) zur kostenlosen Sprechstunde im Nachbarschaftstreff Westend gekommen.

Internist Hermann Müller-Dornieden besieht sich den Knöchel ganz genau, prüft die Schmerzempfindlichkeit an unterschiedlichen Stellen. Sofia ist sehr tapfer, kaum eine Stelle scheint weh zu tun. Doch das trügt. Der Internist spürt das und bittet die Patientin: „Sag mir, wo genau es wehtut und wie es passiert ist.“

Dolmetscherin Friederike Wolter übersetzt ins Türkische, denn die Asenovas gehörten in Bulgarien der türkischen Minderheit an. Sofia ist beim Hüpfen auf einem Trampolin umgeknickt. Nach einigen weiteren Tests lautet die Diagnose: Bänderüberdehnung, eventuell ist ein Band angerissen.

Die ganze Zeit fließen abwechselnd deutsche und türkische Sätze durchs Sprechzimmer, manchmal auch gleichzeitig begleitet von einem Lachen. Die Atmosphäre ist ruhig und freundlich. Niemand scheint in Eile zu sein. Hermann Müller-Dornieden umwickelt den Knöchel mit einem elastischen Salbenverband. „Bitte den Fuß nicht nur schonen, sondern täglich etwas bewegen und belasten“, gibt er Sofia mit auf den Weg.

Ausgestattet ist das Sprechzimmer wie andere auch – mit einem Schreibtisch und Computer, Stühlen, einer Untersuchungsliege, Ultraschallgerät, Regalen für Ordner und abschließbaren Schränken für Medikamente und Zubehör – vielleicht nicht ganz so penibel aufgeräumt und nicht nagelneu. Finanziert wurde es aus Spenden. Assistentin Britta Scheel hat derweil alles mit der Computertastatur dokumentiert und die Verbandsklammern gereicht – Arbeit, wie in jeder anderen Arztpraxis auch.

Doch dies ist keine normale Arztpraxis, wo die Besucher am Empfangstresen ihre Krankenversichertenkarte vorzeigen. Menschen wie die Asenovas können keine normale Arztpraxis aufsuchen, denn sie sind nicht krankenversichert.

„In Bulgarien, wo Sofia lange gelebt hat, wäre sie bis zum 18. Geburtstag staatlich krankenversichert“, erzählt Melanie Mücher, Projektleiterin der „Migrantenmedizin“ im Westend.
Jetzt lebt die 17-Jährige bei ihrer Mutter in Hamburg. Doch Rozalina Asenova kann – wie es hierzulande üblich wäre – ihre Tochter nicht mitversichern, da sie selbst nicht krankenversichert ist. Die Sprechstunde am Vogelhüttendeich ist eine der wenigen Anlaufstellen zur medizinischen Versorgung von Menschen ohne Krankenversicherung. Aber warum haben sie keine?
„Die Menschen, die zu uns kommen, haben nicht genug Geld für eine Krankenversicherung“, erläutert Melanie Mücher. „Sie arbeiten unter miesen Bedingungen, das heißt unregelmäßig, oftmals schwarz und ohne Vertrag.“
Solche Jobs finden sich häufig auf dem Bau, im Reinigungsgewerbe und in der
Logistik, im Hafen. Die Frauen haben laut der Projektleiterin oftmals gar keine Jobs.
90 Prozent der Menschen, die die kostenlose Sprechstunde im Reiherstiegviertel aufsuchen, kommen aus den EU-Ländern Rumänien, Bulgarien und Polen. „Viele Angehörige der türkischen Minderheit in Bulgarien kommen nach Wilhelmsburg, weil hier viele türkisch sprechen“, erklärt Mücher.
Zehn bis zwölf Prozent unter den Patienten seien offiziell obdachlos. Ganze Familien mit Kindern lebten in einem Zimmer für Mieten von 600 bis 700 Euro. „Trotzdem wollen die meisten nicht ins Heimatland zurück“, sagt Mücher, „denn dort, vor allem in den ländlichen Regionen, finden sie weder Jobs noch irgendein soziales Netz.“
Nachdem der Arzt auch Rozalina Asenova behandelt, ist es Zeit für eine Kaffeepause. Projektleiterin Melanie Mücher, eine weitere Dolmetscherin für Bulgarisch, die Projektassistentin und die Praktikantin nehmen Platz. Kurz tauschen sie sich über Aktuelles aus. Der nächste Patient wartet schon.
Dr. Müller-Dornieden ist eigentlich schon im Ruhestand, aber er wollte „seine Kenntnisse noch gern einbringen“. Assistentin Britta Scheel, freut sich, helfen zu können: „Die Dankbarkeit der Menschen ist großartig!“

 

Was macht Westend?

Träger des Nachbarschaftstreffs Westend sind die Stiftung „Hoffnungsorte Hamburg“ und der Verein Stadtmission Hamburg.
Im Westend kümmert man sich hauptsächlich um die medizinische Versorgung von Menschen ohne deutschen Pass. Daneben engagiert sich das Team im Christlich-Muslimischen Dialog, bietet Deutschkurse und das Repair Café an.
Finanziert wird die Einrichtung zum Teil aus Spenden und aus Eigenmitteln der Stiftung Hoffnungsorte Hamburg. Auch die Wichernbau Genossenschaft und der Kirchenkreis Hamburg-Ost unterstützen das Westend.
Aktuell werden ehrenamtliche Assistentinnen für die Sprechstunden gesucht, die beim Ablauf und der Dokumentation unterstützen. Ein medizinischer Hintergrund ist wünschenswert. Spenden sind willkommen.
Eine Übersicht über weiter Westend-Angebote:

Deutschkurse, kostenlos, ohne Anmeldung: Montag, 16.30 bis 18 Uhr für Anfänger, 18 bis 19.30 Uhr für Fortgeschrittene

Sprachbrücke, Gesprächsrunden für Migranten: Donnerstag, 19 bis 20 Uhr
Repair-Café: jeden letzten Freitag im Monat, von 16 bis 19 Uhr

Mieterberatung Wichern Baugesellschaft: Montag, 9 bis 10 Uhr und Donnerstag, 16 bis 17 Uhr

Sozialberatung des Kirchenkreises Hamburg Ost (ALG I und II, Schulden, Wohnung): Donnerstag, 10 bis 11 Uhr

Adresse:
Vogelhüttendeich 17
Tel 75 66 64 01
Mail: westend@
hoffnungsorte-hamburg.de

 

Ärzte der Welt

Das Projekt „Migrantenmedizin“ ist eines von vier deutschen Inlandsprojekten des Vereins „Ärzte der Welt“. Das Projektleitungsteam teilt sich zu dritt zwei Stellen, die Dolmetscherinnen erhalten Honorare. Ärzte und Medizinischen Assistenten arbeiten ehrenamtlich. Medikamente und Desinfektionsmittel müssen neu gekauft werden, denn die Annahme von gespendeten Medikamenten von privat ist verboten.
Es kommen zwischen 20 und 30 Patienten pro Woche. 2017 suchten knapp 500 Menschen die Sprechstunde auf. Sie ist für jeden Menschen ohne Krankenversicherung gedacht. Die Nationalität spielt keine Rolle.

Angela Dietz

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