Oliver Kroll, Hamburg West
Wenn ältere Herren in Kapitänsuniformen ihre Mützen aufsetzen, um von Land aus die Besatzungen von kleinen wie großen Schiffen zu begrüßen, dann haben Touristen das Willkommhöft in Wedel erreicht. Musik erklingt, und die Hamburger Flagge wird gedippt. Für Landratten: Die Flagge wird gesenkt und wieder gesetzt. Zudem wird das Flaggensignal für „Gute Reise“ gesetzt. Da bleibt dem Touristen aus Bayern schon mal der Mund offen stehen. Der korrekte Hamburger nimmt Haltung an.

Suppe, Salat, Bier und Wein zu Blankeneser Preisen

Mit großem Dschingderassa, es ist die dem Herkunftsland des Schiffes entsprechende Nationalhymne, informiert der diensthabende Begrüßungskapitän über Namen, Nationalität, Baujahr, Reederei und Werft. Wenn bekannt, wird auch über den Tiefgang, die Ladung und Stellfläche für Container referiert.
Und der im Restaurant „Schulauer Fährhaus“ sitzende Gast? Der freut sich, dass er nicht mitfahren muss. Er sitzt locker an Land. Vielleicht überlegt er, ob er noch ein zweites Bier bestellt oder doch lieber auf Wein umsteigt. Denn die einstige Seefahrerromantik ist seit Jahrzehnten passé. Zu kurze Liegezeiten, zu kleine Mannschaften, zu groß der Zeitdruck. „Die Containerhäfen sehen auf der ganzen Welt ähnlich aus“, so ein pensionierter Lotse, der noch die Stückgutfahrt mit wochenlangen Liegezeiten erlebt hat.
Wann kommt das nächste Schiff? Diese Frage hören die wachhabenden Begrüßungskapitäne häufiger. Die Antworten trösten den „Schulauer Fährhaus“-Gast. Rund 50 Schiffe werden täglich begrüßt. Besatzungen kleiner Schiffe müssen sich mit Dippen begnügen.
Neben Zigtausenden Touristen, die seit 1952 dicke Pötte bestaunten, kamen auch viele Prominete an den beliebten Ausflugsort. So taufte der „Seeteufel“ Graf Luckner am 2. August 1963 den Mast der Begrüßungsanlage und bekam hierfür vom Willkommhöft-Erfinder Otto Friedrich Behnke eine Riesenflasche Rum überreicht. Mit markigen Worten trug sich Graf Luckner ins Gästebuch ein: „Es sinkt das Schiff, die Ehre nie.“ Dass der „Spiegel“ später über den Grafen unter der Überschrift „Felix der Lügner“ wenig Ehrenvolles schrieb, schadete dem Ruhm nicht.
Boxlegende Max Schmeling war Gast. Johannes Heesters Signatur ragt über eine ganze Seite des Gästebuches. Und Helmut Kohl dankte im Juni 1987 für die „herzliche Gastfreund-schaft“. Franz-Josef Strauß, Rainer Barzel, Helmut Schmidt, Roberto Blanco – ging es um Schiffegucken an prominater Stelle, gab sich die Bundesprominenz das Signalhorn in die Hand.
Wer das Maritime, das Fernweh mit einem gastronomischen Erlebnis verbinden möchte, der ist an dieser Stelle besonders willkommen. Seit der Gastronom René Schillag, er betreibt auch den Blankeneser „Fischclub“, das Schulauer Fährhaus übernommen hat, mit Franz Jost ein Top-Koch in der Küche steht, wird am Willkomm Höft ein neues Kaptitel geschrieben. Geblieben ist die alte Idee aus den 1950er Jahren von Otto Friedrich Behnke: „Zur Freude der Seefahrenden, zur Verständigung der Völker.“ Dafür ziehen damals wie heute Männer Kapitänsuniformen an Land an.

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