In Hamburg machten Sara und Uri Atzmon im Café Leonar Station

Ch. v. Savigny, Grindel
Irgendwann ist Schluss. Irgendwann wird es niemanden mehr geben, der berichten kann. Sara Atzmon ist jetzt 84 Jahre alt und eine von nur noch wenigen Holocaust-Überlebenden, die es auf der Welt gibt. Zusammen mit ihrem Ehemann Uri reist Sara Atzmon in regelmäßigen Abständen durch Europa, um als Zeitzeugin ihre Erlebnisse aus der NS-Zeit weiterzugeben. Insbesondere in Deutschland ist das jüdische Ehepaar unterwegs. In Hamburg stehen mehrere Schulen auf dem Programm. Die Botschaft ihrer Reise ist kurz und einfach. Sie lautet: „Gegen das Vergessen“.Im Jahr 1941 ist Sara Atzmon acht Jahre alt. Mit ihren Eltern und 15 Geschwistern lebt sie in Ungarn. Während im restlichen Europa die Juden damals schon weitgehend ausgerottet wurden, ist ihre Heimat bis dahin verschont geblieben. Dann ändert sich alles schlagartig: Auf der Straße wird sie von anderen Kindern verprügelt. „Plötzlich waren wir die schmutzigen Juden“, erzählt Atzmon.
Mit 50 begann
Sara Atzmon zu malen
Die schlimmsten und gleichzeitig eindrücklichsten Erlebnisse handeln von der Deportation der Familie im Viehwaggon nach Bergen-Belsen: 100 Menschen, zusammengepfercht auf einer Fläche von wenigen Quadratmetern. Ein Eimer mit Trinkwasser – er wird fast augenblicklich geleert. Ein zweiter Eimer dient als Latrine. Vor aller Augen müssen die Insassen ihre Notdurft verrichten. „Wir schämten uns“, sagt Atzmon.
Babys und Kleinkinder sind die ersten, die sterben. Dass sie schreckliche Angst hat, sagt die kleine Sara ihrer Mutter nicht. „Damit sie sich keine Sorgen machte.“ Nach zehn Tagen wird der Waggon geöffnet. Alle müssen sich nackt ausziehen. Die Menschen, unter ihnen viele schwangere Frauen, kleben vor Dreck, Kot, Urin und Blut. Einen Monat haben sie sich nicht waschen können.
Lange Zeit kann Sara Atzmon über ihre Erlebnisse nicht sprechen. Über das stundenlange Appell stehen bei bitterer Kälte, über den Hunger, über die vielen Leichen, die sie gesehen hat. Über ihre Befreiung im April 1945 durch die US-Amerikaner, bei der sie nur noch 17 Kilo wiegt. Sie geht nach Palästina, heiratet, bekommt sechs Kinder. Mit 50 Jahren beginnt Sara Atzmon zu malen, Erinnerungen werden wach, sie hält Vorträge an Schulen und Universitäten.
Insgesamt verliert Atzmon 60 Familienmitglieder während der Naziherrschaft. „Meine Mutter hat mich gelehrt, nicht zu hassen“, sagt sie. „Aber vergeben? In meinem Namen vielleicht. Aber nicht im Namen meiner Verwandten, die von den Nazis ermordet wurden.“

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