Viele der Gärten rechts von Dirk Sielmann (Chef der Gartenfreunde Hamburg

Ch. v. Savigny, Wilhelmsburg
Spätestens im Herbst geht es los: Wegen der vielen Wohnungsbaupläne werden viele Kleingärtner auf der Elbinsel enger zusammenrücken müssen. Betroffen sind auch die beiden Kolonien „Sommerfreude“ mit 74 Parzellen sowie „Die Scholle“ am Aßmannkanal, die die Hälfte beziehungsweise ein Drittel ihrer Fläche verlieren werden. „Verkleinerung – das hört sich natürlich erstmal schwierig an“, sagt Dirk Sielmann, Geschäftsführer der Landesbunds der Gartenfreunde Hamburg (LGH): „Wir haben aber dafür gesorgt, dass sich die Anzahl der Kleingärten nicht ändert und dass möglichst viele Flächen am Kanal erhalten bleiben. Das ist keine Selbstverständlichkeit.“Zur „Sommerfreude“: Alle Parzellen im Westen des Vereinsgeländes (Richtung Zeidlerstraße) kommen ab Herbst nächsten Jahres weg und machen Platz für den Wohnungsbau. Im Ausgleich werden die meisten Gärten am Kanal, die größer sind als 300 Quadratmeter, durch zwei geteilt. Bereits jetzt haben die dortigen Nutzer eine „Sanierungskündigung“ erhalten – zusammen mit einem Zusatzvertrag, der es ihnen erlaubt, ihr Grundstück weiter zu beackern und sich auf die Verkleinerung vorzubereiten. Allerdings müssen sie den Bauarbeiten Vorrang einräumen. Als Entschädigung müssen die Kleingärtner nicht für Kosten der Erschließung (Wasser, Strom, Stichstraßen) der neu aufgeteilten Flächen aufkommen. Auch das Vereinshaus muss neu gebaut werden. Für die geschrumpfte „Scholle“ entstehen Ersatzflächen, unter anderem an der Honartsdeicher Kehre.
Interessant: Wer sich als betroffener Kleingärtner keine neue Laube leisten kann, hat die Möglichkeit, einen sogenannten „Laubenfonds“ in Anspruch zu nehmen. Auf die Weise kann eine Laube für rund 35-60 Euro pro Monat gemietet oder sogar „geleast“ werden, da die Miete auf den Kaufpreis angerechnet wird.
Mariano Albrecht, Vereinsvorsitzender der „Sommerfreude“, sieht das Vorhaben insgesamt eher kritisch: „Es schreit keiner Hurra“, sagt er. Allerdings sei der Verein nicht prinzipiell gegen Wohnungsbau eingestellt. „Es geht uns mehr darum, dass immer mehr Flächen versiegelt werden. Wenn hier ein öffentlicher Park entstünde, dann würde ich sofort sagen: Okay, das machen wir.“

Monika Kurtovic bückt sich und hebt einen Ziegel an. Darunter sitzt eine dicke, fette Kröte. „Die liebe ich ja über alles“, sagt Kurtovic, die zusammen mit ihrem Lebensgefährten eine 260 Quadratmeter große Parzelle in der Kolonie „Sommerfreude“ betreibt. Seit zehn Jahren machen die beiden das jetzt schon. Dass ihnen die Gartenarbeit Spaß macht, ist nicht zu übersehen: Sorgsam mit kleinen Findlingen eingefasste Beete wechseln sich ab mit gepflegten Rasenflächen und einigen Obstbäumchen. Auch Essbares wird hier angebaut, unter anderem Erdbeeren und Tomaten.
Doch das Ende des Gartenidylls ist abzusehen: Auch Kurtovic und ihr Freund müssen Platz machen für den Wohnungsbau – die neue Parzelle am Aßmannkanal ist bereits reserviert. Allerdings wollen die beiden lieber bleiben. „Ich werde die Natur und die Freiheit, die ich hier genießen kann, vermissen“, sagt Kurtovic. Und wenn es irgendwann soweit ist? „Dann nehme ich die Frösche natürlich mit“, sagt sie.

„Das ist ein gutes Ergebnis“

Interview mit Dirk Sielmann, dem Vorsitzenden des Landesbunds der
Gartenfreunde Hamburg

Sind die Kleingärtner auf der Elbinsel in ihrer Existenz bedroht? Das Wochenblatt sprach mit Dirk Sielmann (Landesbund der Gartenfreunde Hamburg).

In Wilhelmsburg wird gebaut, die Kleingärtner haben künftig weniger Platz. Wie beurteilen Sie das Ergebnis der Planungen? Können Ihre „Laubenpieper“ damit leben?
Dirk Sielmann: Nachdem erreicht werden konnte, dass die Kleingärten weiterhin direkt am Aßmannkanal bleiben können, und dass die Zahl der Kleingartenparzellen erhalten bleibt, ist das ein gutes Ergebnis. Vor allem auch deshalb, weil die Altanlagen von Grund auf saniert werden. Das heißt unter anderem: Die Wasserleitungen, die Arbeitsstromanlagen und die Wege werden neu gebaut. Trotzdem: Für jede direkt betroffene Kleingärtnerin und für jeden Kleingärtner ist kaum zu verkraften, wenn trotz des guten Gesamtergebnisses der eigene Garten verschwinden muss. Das bleibt immer ein Problem.

Inwiefern kommt die IBA den Gartennutzern entgegen?

Die IBA hat sich von Anfang an sehr verhandlungsbereit gezeigt. Für die konkrete Planung der Neuparzellierung wurde von der IBA ein Planungsbüro beauftragt, das in Zusammenarbeit mit den Vereinsvorständen erste Entwürfe erarbeitet. Diese werden mit den betroffenen Kleingärtnern soweit wie möglich abgestimmt. Für die Vereine ist wichtig: die Vereinshäuser werden auf Kosten der IBA neu errichtet.

Wie geht es nun konkret weiter? Gibt es schon Termine? Wann ist die Umstrukturierung abgeschlossen?

Geplant ist, die groben Erdarbeiten (beispielsweise zum Verlegen der Wasserleitungen) außerhalb der Gartensaison durchführen zu lassen. Die Neuparzellierungen erfolgen während der Gartensaison. Die Gartenfreunde können in der Zeit ihre Gärten nutzen. Uns wurde von der IBA zugesagt, dass die Maßnahmen spätestens Mitte 2019 abgeschlossen sein werden. Die Fläche soll dann von uns als Kleingartenpachtfläche nach Bundeskleingartengesetz übernommen werden.

Kleingärten
Die Kleingärten in Hamburg umfassen (noch) rund 1.800 Hektar Fläche. Einige Kleingärten sollen dem Wohnungsbau weichen. Die Stadt und der Landesbund der Gartenfreunde haben ausgehandelt, wo den Laubenpiepern Ersatzflächen zur Verfügung gestellt werden. Um die Anzahl der Parzellen zu erhalten, setzt die Stadt darauf, in Kleingärten „nachzuverdichten“. Vorhandene Parzellen werden verkleinert, die Nutzfläche soll in Innenstadtnähe sowie im Umfeld von Hochhäusern höchstens bis zu 250 Quadratmeter betragen.
Im Jahr 2015 wurden in Hamburg 176 Parzellen geräumt, aber nur 29 neue zur Verfügung gestellt. 2016 fielen 115 Parzellen weg, 100 kamen hinzu. Insgesamt ist die Stadt mit der „Lieferung“ von 208 Parzellen in Verzug.

In Wilhelmsburg wurden in folgenden Kleingärten Parzellen geräumt:
2014: KGV Op Schulzens Eck (21 Parzellen, Grund: Verlegung Reichsstraße), KGV Süderelbe (71 Parzellen, Verlegung Reichsstraße), KGV Hövelhof (3 Parzellen, Parkanlage/ Wegeverbindung).
2015: KGV Niedergeorgswerder (5 Parzellen, Wohnungsbau)
2016: KGV Hövelhof (1 Parzelle, Parkanlage/ Wegeverbindung)

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