Tönnies als junger Mann auf seinem Motorrad. Auch als Postbote war er immer auf zwei Rädern unterwegs

Ch. v. sSvigny, Wilhelmsburg.

Manchmal wird Johannes Tönnies (78) noch gefragt, wo er sich denn am meisten zuhause fühle. Dann sagt er wie selbstverständlich: „Drüben, auf der anderen Elbseite.“ 28 Jahre lang, von 1943 bis 1971, hat Tönnies auf Waltershof gelebt, in Hamburgs damaligem Laubenparadies zwischen Elbstrom und Hafenkränen. Heute wohnen er und seine Frau im beschaulichen Sülldorf – ein Umzug von der Marsch auf die Geest. Mit dem Herzen jedoch ist er seiner Heimat verbunden geblieben, obwohl diese längst der Hafenerweiterung Platz machen musste. „Wir hatten schon keine schlechte Zeit damals auf Waltershof“, erinnert sich Tönnies.
Vier Jahre alt ist Johannes Tönnies, als er mit seiner Familie in Altona ausgebombt wird. Die alleinerziehende Mutter – der Vater dient zu dem Zeitpunkt an der Front – nimmt ihn mit zu den Großeltern auf die Elbinsel. Bereits in den 1920er Jahren waren die ersten Parzellen auf Waltershof entstanden. Viele Familien verbrachten die Sommerferien auf dem kleinen Eiland mit seinem fetten Marschboden. Der kleine Johannes, Spitzname „Hans-Hermann“, verbringt seine Tage meist draußen, zusammen mit anderen Kindern zwischen Kohlköpfen, Kartoffeln, Kirsch- und Apfelbäumen.
Doch auch dort bestimmt der Krieg das Tagesgeschehen: Mehrmals gerät die Familie ins Visier der alliierten Flugzeuge, die es auf die Hafenindustrie abgesehen haben. Ein vom Großvater gegrabener Erdbunker dient als notdürftiger Schutz vor dem Bombenhagel. Einmal gibt es eine gewaltige Explosion im Hafen: Tönnies sieht Berge von verkohlten Leichen, die auf sogenannten „Schottschen Karren“ abtransportiert werden. „Der Krieg war eine Scheißzeit“, erinnert er sich.
Nach seiner Schulzeit, die er auf St. Pauli absolviert, verdingt sich Tönnies als „Jungpostbote“ in Finkenwerder. Auch das heimatliche Waltershof gehört zu seinem Revier. Als im Februar 1962 die Hamburger Jahrhundertflut zuschlägt, wird Tönnies zum Lebensretter: Huckepack trägt er seine – schwergewichtige – Großmutter durchs brusttiefe Wasser ins Trockene. Auch seinen Opa kann er anschließend noch evakuieren, doch traurigerweise überlebt der Senior die Tortur nicht: Er erliegt wenige Wochen später den Folgen einer Unterkühlung.43 Menschen sterben damals auf Waltershof, insgesamt hat Hamburg 315 Opfer zu beklagen. Tönnies ärgert sich: „Jedesmal, wenn von der Flut die Rede ist, hört man nur ‚Wilhelmsburg, Wilhelmsburg‘. Dabei hatten wir es mindestens genauso schwer.“
Am Seemannsclub Duckdalben haben er und ein früherer Nachbar im Jahr 2012 aus dem Grund einen Gedenkstein aufstellen lassen. Seither treffen sich dort regelmäßig am ersten Sonnabend nach dem 16. Februar, dem Jahrestag der Flutkatastrophe, die ehemaligen Bewohner. In diesem Jahr am Sonnabend, 17. Februar, um 11 Uhr.Anfangs waren es um die 300 Personen, jetzt sind es noch 100. „Wir werden halt älter“, seufzt Tönnies. Und ein interessantes, geschichtliches Buch über „seinen“ Stadtteil hat der Zeitzeuge geschrieben. Titel: „Von Walters-Hof zum Containerterminal“.

Am Freitag, 16. Februar, um 18 Uhr wird am Flutopferdenkmal in der Grünanlage Kirchdorfer Straße in einer Gedenkveranstaltung an die vielen Opfer dieser verheerenden Naturkatastrophe vom 17. Februar 1962 erinnert. Mitglieder der Deichwacht und der Freiwilligen Feuerwehr Wilhelmsburg werden sich mit Fackeln zu einer Mahnwache formieren und so gemeinsam mit den Angehörigen der Opfer gedenken.

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