Schon 2013 wurde an der Katholischen Schule Neugraben protestiert – damals gegen die Schließung des Stadtteilschulzweigs. Foto: gre

Olaf Zimmermann, Süderelbe
Die angekündigten Schließungen von acht katholischen Schulen in Hamburg – darunter alle drei im Bezirk Harburg – sorgt bundesweit für Empörung. „Ich bin entsetzt über die Pläne des Erzbistums Hamburg. Unsere katholischen Schulen sind pastorale Räume, in denen Kinder und Jugendliche den Glauben kennenlernen können. Sich dieser Chance zu berauben ist, als würde man sich selbst die Zunge herausreißen“, sagt Marie-Theres Kastner, Bundesvorsitzende der Katholischen Elternschaft Deutschlands (KED). In Hamburg streiten Erzbistum und Schulbehörde derweil darüber, wer wen wann worüber informiert oder es vergessen hat.Ansonsten wird geschwiegen. Kein Wort von Erzbischof Stefan Heße zum Kahlschlag bei den Katholischen Schulen. Beharrliches Schweigen auf Seiten der Schulbehörde bei Fragen zur Finanzierung der Kosten für Schulbauten und Sanierungen bei Schulen von Freien Trägern. Keine Antwort vom Katholischen Schulverband auf die Frage, ob im Bezirk Harburg nicht mindestens eine Katholische Schule erhalten werden müsse.
Zum Schulstandort in Neugraben hat der Katholische Schulverband auf Nachfrage einige Auskünfte erteilt. Sprecher Christoph Schommer: „Allein an der Katholischen Schule Neugraben besteht ein kurz- und mittelfristiger Instandsetzungsbedarf in Höhe von 8,9 Millionen Euro. Darüber hinaus sind bauliche Erweiterungsmaßnahmen in Höhe von 17,5 Millionen Euro für einen langfristig nachhaltigen Betrieb erforderlich. Diese Summen sind vom Erzbistum Hamburg aufgrund der derzeitigen finanziellen Lage nicht tragbar.
Mit seinem Beschluss zur Schließung hat das Erzbistum jedoch zugleich ein Moratorium verkündet. In den kommenden Monaten soll intensiv geprüft werden, ob durch die Beteiligung Dritter – beispielsweise der Stadt Hamburg – eine Lösung zum Erhalt und zur Weiterentwicklung der Schule erzielt werden kann.“

„Eine gemeinsame Lösung verwirklichen“

Interview mit Matthias Greve, stellvertretender Elternratsvorsitzender der Katholischen Schule Neugraben

Wie geht’s weiter mit der Katholischen Schule Neugraben (KSN)? Das Erzbistum Hamburg räumt der Schule noch eine Gnadenfrist ein, in der ein finanzkräftiger Partner gefunden werden muss. Glaubt man vor Ort noch an die Rettung? Im Wochenblatt-Interview nimmt der stellvertretende Elternratsvorsitzende Matthias Greve, Stellung.

Warum genau droht der KSN das Aus? Hat das Erzbistum konkrete Gründe genannt? Ist der Renovierungsstau beim alten Gebäude so groß?
Die Wertschätzumg der pädagogischen und werteorientiere Arbeit der Schule steht auch bei den Verantwortlichen des Schulträgers außer Frage. Die Katholische Schule Neugraben hat im Rahmen der Schulinspektion im November 2016 das beste Ergebnis aller katholischen Schulen Hamburgs erreicht.
Es wird – wie schon zu Beginn des Auslaufs des Stadtteilschulzweiges 2013 – mit dem Sanierungsstau und der schlechten wirtschaftlichen Tragfähigkeit argumentiert. Ein Grund ist, dass im Hamburger Süden aufgrund der Bevölkerungstruktur durch das sozial gestaffelte Schulgeld weniger zum Ausgleich des Defizits der nicht ausreichenden staatlichen finanziellen Förderung beigetragen werden kann, als in wohlhabeneren Stadtteilen.
Zum Sanierungsstau: Natürlich kann an jedem Standort viel Geld verbaut werden, wenn man sich an den allermodernsten Ansprüchen orientiert. Ob diese immer in allem Umfang notwendig sind, wage ich zu bezweifeln. Der Elternrat der KSN hat jedoch schon 2014 in einem Alternativgutachten nachgewiesen, dass es am Standort Neugraben auch mit erheblich weniger Investionen weitergehen kann.
Insgesamt ist der Gebäudebestand hier aus meiner Sicht sehr solide, kein Putz und keine Farbe bröckelt von den Wänden – und eigentilich ist der Retro-Style der 1970er Jahre ja aktuell auch ganz „in“. Ob die kompakte Würfelarchitektur von Schulbauten neuester Bauart ein besseres Lernklima bietet, mag jeder anders beurteilen.

Was erwarten Sie vom Erzbistum, was von der Stadt?
Trotz der belastenden Situation aufgrund der unsicheren Zukunft und eines immer weiter schrumpfenden Kollegiums haben alle Lehrer und Mitarbeiter weiter ihre hervorragende und einfühlsame Arbeit geleistet. Ausreden des Schulträgers, mehr oder weniger geschönte oder interpretierbare Gutachten und andere angebliche Belege, warum etwas nicht ginge, habe ich genügend gehört. Ich erwarte, dass alle Akteure, die für die Weiterentwicklung unseres Stadtteils, zu dem die Katholische Schule Neugraben nach meiner Überzeugung einen unverzichtbaren Beitrag einer vielfältigen Infrastruktur beiträgt, gemeinsam eine Lösung verwirklichen.

Warum muss die KSN erhalten bleiben?
Fakt ist: Neugraben braucht schnell weitere Schulen. Es ist nicht vermittelbar, dass ausgerechnet in diesen Zeiten eine Schule auslaufen soll, weil sich meine Kirche und meine Stadt im bürokratischen Kleinklein und sogar in Schuldzuweisungen üben und sich so bisher nicht einigen können.
Hier gibt es eine funktionierende Schule, die sofort weiterbetrieben und angesichts unseres enormen Bevölkerungszuwachses, insbesonders von Familien, umgehend wieder auf- und schrittweise ausgebaut werden kann. Ob eine Schulträgerschaft staatlich, im privaten Rahmen einer öffentlichen Körperschaft, in einer Kooperation oder in welcher Struktur auch immer ist: Eine Schule mit einem werteorientierten, gern auch weiterhin christlichen Profil, muss auch weiterhin in unserem Stadtteil möglich sein. Kreativität und Entschlossenheit ist das, was ich sehen will. Ich fordere alle Akteure dazu auf, sofort an einen Tisch zu kommen und Lösungen zu erarbeiten. Es ist alles möglich – man muss es nur ernsthaft wollen!

Hintergrund
Um die drohende Pleite des hoch verschuldeten Erzbistums Hamburg abzuwenden, sollen acht der 21 katholischen Schulen geschlossen werden – darunter mit dem Niels-Stensen-Gymnasium, der Katholischen Schule Neugraben und der Katholischen Schule Harburg sämtliche katholischen Schulen im Bezirk Harburg. Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young hatten im Dezember 2017 beim Erzbistum Schulden in Höhe von 79 Millionen Euro festgestellt. Ohne Gegenmaßnahmen könnte diese Summe bis 2021 auf 353 Millionen Euro anwachsen.

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