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Tony ist weitestgehend ein guter Kerl, er wohnt bei uns in der Hospitalstraße und spinnt.
Normalerweise macht das ja nichts, er hat seine Flausen und gut ist, nicht wahr?
So lange er nicht auf die Straße rennt und Leute belästigt, und vor allem das Wichtigste: Ruhe in seiner Wohnung hält.
Als Mieter möchte man ja fast sagen, her mit den depressiven und stillen Nachbarn, die niemals einen Laut von sich geben, die man gar nicht merkt, das sind die Besten. Keine laute Musik, nichts dergleichen. Manchmal öffnet er sein Fenster auf Kipp und stößt einen wolfsähnlichen, verlassenen Ruf aus, á la „Wuhuuu.“ Na schön, das ist besser, als im hellhörigen Haus jemand sozial Engagierten zu haben, der sich Abend für Abend Besuch einlädt. Auf Trommeln wird geklopft,  Gitarren werden gezupft, sie unterhalten sich, das ist ja auch nicht schön, muss man nicht haben. Jeder Laut dringt durch die Wand hindurch, vor dem Bett liegen die Ohropax-Stöpsel und man möchte unter solchen Umständen ja fast gar nicht mehr am Leben sein und in Tony’s Wolfsgesang einstimmen. Wuhuuu, etwas Stille bitteschön!

Aber Tony wird sonderbar neuerdings, so sagte er neulich zu mir, als wir uns im Hausflur begegneten: „Meine Nachbarin von oben drüber macht mir Avancen, sie lächelt mich an.“
Das konnte ich mir ganz und gar nicht vorstellen, ich kenne die Nachbarin von oben drüber, das ist ein scharfes Ding, ein geiles Geschoss, wie man auch sagt.
„Ich will nicht sagen, dass sie Hihi macht, wenn sie an mir vorübereilt …“, begann Tony zu erzählen, aber weit davon entfernt sei ihr Gesichtsausdruck nun auch wieder nicht. Was dennn nu, fragt man sich.Sie besäße Stil und würde ihm nicht direkt auf den Schoß springen, seinen Hals umklammern und mit ihrem roten Knutschemund Merkmale auf seinen Wangen hinterlassen.
Ich kenne sie vom Grüßen her, sie heißt Susanne, ist wunderschön und hat ein Tanzstudio, spezialisiert auf Flamenco. Olé und solche Sachen, liebreizend wie keine andere sonst, mitten im Leben steht sie.
Tony behauptete aber nach wie vor felsenfest, sie hätte ihn angelächelt, mit gutem Willem ließe sich ihr Lächeln als ein „Ei Gute wie, alles roger?“ interpretieren. Vielleicht war es sogar ein richtiges Lächeln, meinte er. Er bildet es sich manchmal ein, wenn er zur Nacht die Bettdecke über seinen Kopf zieht. Die Tänzerin hat mich angelächelt.
Sie hat was mit mir vor.
Und so lächeln sich die armen Menschen in den Schlaf hinein und obwohl sie den Mond am Himmel ankrähen wollen, tun sie es nicht. Es ist ja alles gut, keine Bange. Die Tänzerin hat mich lieb. Ach …
Ich fragte sie nach ihm und sie kennt ihn gar nicht, nie gesehen, nie gehört. Ach …

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