Ein Kulturdenkmal: Die „Hamburger Burg“ aus dem Jahr 1899 ist das älteste Gebäude dieser Art in der Hansestadt. Foto: mg

?Von Matthias Greulich. Als die ersten Mieter dort einzogen, war die Burg eine Sensation. Einen großen Wohnblock so anzulegen, dass er auf drei Seiten mit einem hellen Hof offen zur Straße liegt, bedeutete damals einen großen Fortschritt gegenüber engen Mietskasernen mit dunklen Hinterhöfen. Die erste sogenannte „Hamburger Burg“ an der Ecke Methfesselstraße/ Stellinger Weg wurde bei der Weltausstellung 1900 in Paris mit einer Silbermedaille ausgezeichnet, als Kulturdenkmal steht sie unter Denkmalschutz.

Vor 20 Jahren wollte Kai Wünsche die Burg versilbern

In der Burg lebt Helmut Behr, der auf dem Küchentisch vor sich seinen Mietvertrag und einen 196-seitigen Verkaufsprospekt ausgebreitet hat. Auf Seite 24 heißt es dort „Hamburg. Alles ist im Fluss“, wobei die Aussage mit einem Bild der im Sonnenlicht funkelnden Fassade der Elbphilharmonie unterstützt wird. Behr verdreht die Augen. Schlimmer als das glitzernde und immer teurere Hamburg ist für den Eimsbütteler, dass der Grundriss seiner 63 Quadratmeter großen Wohnung in der Methfesselstraße 84 in dem Prospekt ebenfalls auftaucht – als eine von 98 Wohnungen, die eine MSP Finanzmakler GmbH aus Norderstedt darin als Kapitalanlage anbietet oder um „als Eigentümer später mietfrei den Ruhestand genießen zu können“.

Seitdem Hauseigentümer Frank Scheffler die Norderstedter Firma mit dem Verkauf der Immobilie beauftragt hat, lebt es sich in der schönen Burg nicht mehr sorgenfrei. „Die Mieter haben berechtigte Angst aus ihren Wohnungen verdrängt zu werden“, so Behr. Als Mitglied der Bürgerinitiative „Das Dorf“ hat er ähnliches vor 20 Jahren schon mal erlebt. Damals versuchte Immobilienspekulant Kai Wünsche die Wohnungen zu versilbern.

Mit dem Widerstand des „Dorfes“ hatte FDP-Mitglied Wünsche nicht gerechnet. Er verkaufte das Haus an Scheffler, Behr und die anderen Mieter bekamen einen Zusatz zum Mietvertrag, der eine Kündigung wegen Eigenbedarf auch bei einem Weiterverkauf der Wohnung ausschließt. Wer wie die Mehrheit der anderen Mieter später eingezogen ist, hat diesen Zusatz nicht. Ende November fand daher eine Mieterversammlung in der Apostelkirche mit Rechtsanwalt Paul-Hendrik Mann vom Mieterverein zu Hamburg statt. Der Verein fordert dass alle Mietparteien der Burg vor „Eigenbedarfskündigungen dauerhaft geschützt werden“. Die MSP Finanzmakler GmbH ließ eine Anfrage des Elbe Wochenblatts zu einem Verzicht auf Eigenbedarfskündigen bis Redaktionsschluss unbeantwortet.

Ob die Mieter durch die für das Frühjahr 2018 geplante Soziale Erhaltungsverordnung in Eimsbüttel vor Umwandlungen geschützt werden, wird in diesen Tagen geprüft. „Aktuelle Anträge zur Umwandlung in Wohnungseigentum des Eigentümers liegen dem Bezirksamt derzeit nicht vor“, sagt Bezirksamtsprecher Kay Becker.

Unabhängig von der rechtlichen Bewertung „bedeutet der drohende Verkauf von fast 100 Wohnungen in Eimsbüttel an Investoren etwas, was nicht passieren darf, denn den Käufern geht es vorrangig um Rendite nicht um Mieterrechte“, so Rechtsanwalt Mann vom Mieterverein. Der Mieterverein appeliert an die Politik: „Wohnungspolitisch muss eine Verdrängung der bisherigen Mieter verhindert werden. Die Politik ist gefordert, auf den Eigentümer entsprechend einzuwirken“, so Mietervereinsvorsitzender Siegmund Chychla.

Denkmalschutz


Momentan werden einige Wohnungen in der denkmalgeschützten ersten Hamburger Burg saniert. Das Denkmalschutzamt hat die Sanierung erlaubt und ist darin „aktiv eingebunden“, so Enno Isermann, Sprecher der für den Denkmalschutz zuständigen Kulturbehörde. Das heißt beispielsweise, dass „keine bauzeitlichen Türen abgebrochen werden“. Nicht genehmigt wurde der geplante Dachgeschossausbau, für den die Mieter ihre Bodenräume räumen mussten. Der Zustand des Denkmals ist auf dem Dachboden nicht gut: Nach dem Sturm „Herwart“ hat es durchgeregnet und tropft in der Methfesselstraße 84 immer noch durchs Dach. MG

Es regnet durch: Der Dachboden in der Methfesselstraße macht derzeit keinen guten Eindruck. Foto: mg

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